Villette Sonique

Suuns, die Eiszeit vor der Eiszeit

Suuns

Der Himmel öffnet seine Schleusen über La Villette, als ob die nächste Sintflut über die Welt hereinbrechen würde. Es mag Zufall sein, dass Suuns im vergangenen Monat ihr neues Album veröffentlich haben, das ebenfalls Weltuntergangsstimmung verbreitet. Ihr drittes Werk ist kompromissloser, kälter aber auch verbindender als sämtliche Vorgänger. Sein Titel: Hold/Still. Während sich also die Naturgewalten an diesem Dienstag, dem 30. Mai 2016, über La Villette austoben, bringen die vier Kanadier 13 Stücke auf die Bühne des Cabaret Sauvage, die sich durch eiskalte Wut, aufheulende Gitarren und elegante Noise-Akzente (Careful) auszeichnen.

Die Apokalypse trägt ein Parfum – das von nassen Hunden, das übrigens auch Dufflecoat-Träger nach den ersten Regentropfen verströmen. Sollte sich die Erde tatsächlich auftun und das Ende der Welt nahen, dann in einem Ambiente, das man keinem Hund zumuten würde. Und dem aufsteigenden Höllendampf von E-Zigaretten. Kurz: nicht ganz so glamourös wie in Dantes Inferno. Aber dafür gibt es ja Suuns.
Die Band bemüht sich nach Leibeskräften um eine standesgemäße Apokalypse, angefangen beim Showauftakt mit über 3 Minuten Drone-Sound (oder sind es doch 5? Oder 10? Wer weiß das schon so genau? Und was spielt das überhaupt für eine Rolle? Ist die Ewigkeit nicht lang genug?), bevor sie mit einer eiskalten Mixtur aus alten und neuen Hits zum Angriff übergeht.
So spielen Suuns als vierten Track 2020, gefolgt von dem neuen Stück Resistance, wobei sie zwei Basslinien fortführen, die Tote erwecken könnten, bevor sie mit ihrem regulären Set eine Art Maxi-Best-of auf die Bühne zaubern.

Dabei hatten sie sich zuvor schon vergeblich um ein Concept bemüht und in ihrer kanadischen Heimat (in Rouyn-Noranda in Quebec) einige neue Formate ausprobiert. Allerdings ließen ihre seltsamen Medleys das Publikum ratlos zurück, und so beschlossen Suuns, sich an die gute alte Tradition der Setlist zu halten: Song folgt auf Song, Hit folgt auf Hit, wobei man die Hits daran erkennt, dass die Leute darauf tanzen – und das tun sie! Selbst auf eiskalte Musikperlen wie Arena, Pie IX oder Powers of Ten.

Dabei spulen die vier Musiker ohne jede Unterbrechung oder Moderation Track für Track ihr Programm ab, wie ein Mathelehrer seinen Unterrichtsstoff. Man kann sich gut vorstellen, dass sie im wahren Leben keine besonders unterhaltsamen Zeitgenossen sind: verweichlicht, ironiefrei (wie alle Kanadier), mit Beziehungsproblemen und einer Ernährung, die noch fader ist als das Essen im Seniorenheim. Aber ganz ehrlich: Besser ist das! Denn so, wie die vier Jungs arbeiten, wäre jede Rock-Attitüde völlig over the top.

So erklärt Sänger und Gitarrist Ben Shemie dem Magazin Inrocks: „Touren ist ein hartes Geschäft. Es ist eine psychische und körperliche Herausforderung. Aber man gewöhnt sich daran. Auf eine gewisse Weise ist es auch ernüchternd. Man lernt seine eigenen Grenzen kennen. Und ich liebe das.“

Das Konzert von Suuns gestern Abend war brutal und progressiv. Das zunächst purpurne Licht wich gelben Stroboskopblitzen, die den Zuschauern für die gesamte Dauer der Show – bis auf eine willkommene Atempause von 10 Minuten – nicht einmal eine Ahnung davon gaben, wie die Gesichter der in Schatten getauchten Musiker aussehen könnten. In völliger Dunkelheit ging Ben Shemie eine Stunde lang auf Geisterjagd, bevor Suuns ihre Siebensachen zusammenpackten und wieder abrauschten. Danke und Tschüss! Draußen waren die Temperaturen dank Weltuntergangs-Wolkenbruch in den Keller gerauscht.