Schock der Zivilisationen

Chilly Gonzales © Veronique Fel

Ein Privatkonzert von Chilly Gonzales zusammen mit dem Kaiser Quartett  – geniale Virtuosität und verblüffende Anmut zugleich

Regale voller alter Bücher, soweit das Auge reicht. An jedem Ende der Galerie steht ein Globus, der an die Zeit erinnern soll, als Frankreich eine Weltmacht war. Im 18. Jahrhundert beherbergten diese sieben ineinander übergehenden Räume das Archiv des Außenministeriums – und auch heute flößt die Stadtbibliothek von Versailles dem Besucher tiefen Respekt ein. Wer wie Chilly Gonzales diesen historischen Ort in Bademantel und Hausschuhen betritt, muss schon ein gewisses Maß an Chuzpe mitbringen. Der Kanadier setzt sich an den Flügel, schickt ein breites Lächeln in Richtung des ihn begleitenden Kaiser Quartetts, und schon ertönen die ersten Noten: White Keys. Vier Akkorde perlen wie Regentropfen. Erst fühlt man sich an Eric Satie erinnert, aber schon geht es weiter in jazzige Gefilde à la Keith Jarret. Chilly Gonzales ist ein musikalischer Nimmersatt: Fast das gesamte Repertoire der westlichen Musik hat er sich einverleibt, von Brahms bis hin zu Daft Punk – und es bekommt ihm hervorragend!

 

Chilly Gonzales & Kaiser Quartett en concert privé
Privatkonzert mit Chilly Gonzales und Kaiser Quartett Privatkonzert mit Chilly Gonzales und Kaiser Quartett Privatkonzert mit Chilly Gonzales und Kaiser Quartett

Er liebt jede Form von Musik und hat zahlreiche Facetten. Das Konzert stützt sich zwar weitgehend auf sein neuestes Album, Chambers, wagt aber auch Abstecher in Richtung Electro oder Rap – vom Publikum mit einem Lächeln quittiert. Odessa, Dot, Freudian Slippers... der Raum wird zum hochkarätigen Dada-Kabarett. Die Zuhörer sind andächtig. Aber Chilly Gonzales ist auch ein echter Showman, der weiß, wie man eine folgsame Zuhörerschaft mit herrlicher Selbstironie auflockert: Da springt er schon einmal aufs Klavier und ruft „(Not a) musical genius“, bezeichnet Kanye West als A…loch, mokiert sich über die Armut des französischen Chansons oder interpretiert die Marseillaise in Moll. Anderthalb Stunden lang befreit der Kanadier den Raum vom Gewicht der Geschichte. Ein Segen. 

 

Foto © Véronique Fel