Route du Rock Hiver

Route du Rock 2017 / 3. Tag: Das Gute am schlechten Geschmack

Barbagallo

25. Februar 2017: Der letzte Abend der Winter-Edition des Festivals Route du Rock ist komplett ausverkauft! Auf dem Programm stehen an diesem Samstag die Auftritte von Barbagallo, Teenage Fanclub, Juniore und The Limiñanas. Und natürlich ein paar kleine Indiskretionen, die wir hinter der Bühne aufgeschnappt haben.

Für manche gilt 15:00 Uhr offenbar noch als nachtschlafende Zeit. Wir wollen hier nicht mit dem Finger auf irgendjemanden zeigen, aber die Augenringe der Festivalmitarbeiter sprechen Bände. Am letzten Festivaltag schlägt die Müdigkeit stets in eine Art Schwebezustand um: Jeder bewegt sich wie in Trance und kämpft dabei mit dem inneren Schweinehund. Das kann aber auch ganz witzig sein: Julien Barbagallo zum Beispiel ist um diese Uhrzeit noch nicht so richtig ansprechbar. Wir haben uns mit ihm verabredet, um ihm die Frage nach seinen musikalischen „guilty pleasures“ zu stellen, aber das scheint ihn gerade ein wenig zu überfordern: „Au weia, das ist aber eine ganz schön schwierige Frage!“ Es folgt: Schweigen. Und noch mehr Schweigen. Bis Julien endlich realisiert, dass wir – wenn möglich – gerne noch vor heute Nacht eine Antwort von ihm hätten. Schließlich erwacht er doch noch aus seinem Dämmerschlaf und legt los: „Ganz ehrlich, es würde wohl mehr bringen, mich um 4:00 Uhr morgens auf einer Party nach meinen wahren guilty pleasures zu befragen, aber dann erzähl ich halt von dem erstbesten Stück, das mir in den Sinn kommt. Gestern im Tourbus habe ich „Da“ von PNL gespielt, das ist ein Band, die total polarisiert: Die einen gehen gleich auf die Barrikaden, die anderen finden sie absolut genial. Am Anfang war mir das ehrlich gesagt auch zu heavy, aber dann – ich weiß auch nicht – hab ich angefangen, diese Energie zu mögen, die Tatsache, dass ich nichts von dem verstehe, was die Typen mir erzählen wollen. Das fand ich ziemlich spannend.“ Wir haken nach und fragen, ob ihm das ein Gefühl von Orientierungslosigkeit gegeben hat. „Ja, genau, ich fand dieses Gefühl, von allem losgelöst zu sein, am Ende ziemlich antörnend. Und dann fand ich auch die Produktion ziemlich gut. Ich dachte mir, da ist irgendwas Besonderes, aber das sind Dinge, die ich normalerweise nicht an die große Glocke hänge.“ Na, das wollen wir aber nochmal genauer wissen: Warum denn nicht? „Naja, wohl aus den Gründen, die ich bereits genannt habe: Ich komme ja aus der Indie-Szene, und da schaut man doch öfter mal ein bisschen verächtlich auf diese Art von Projekt, verstehst du?“ Und wie würde er sich dann für seine Entscheidung rechtfertigen? „Also, die Band umgibt ja so eine geheimnisvolle Aura, PNL sind ein wenig wie die Daft Punk des Rap. Ihre Musik richtet sich gegen das Establishment, gegen die Schallplattenindustrie, und ist dabei kommerziell super-erfolgreich, total paradox. Sie wirken irgendwie autark, und ich mag ihre Ausstrahlung, so ein bisschen wie vom Himmel gefallen, in ihrer Nische konstruiert und vermarktet, aber am Ende doch eine der größten Erfolgsgeschichten der letzten Jahre in Frankreich – und das an allen klassischen Vertriebswegen vorbei. PNL ist völlig entmaterialisiert, das hat schon fast etwas von Yves Klein.“ Dann muss Julien Barbagallo auf die Bühne und startet seine eigene blaue Revolution.

Portrait Barbagallo
Barbagallo © Gwendal Le Flem

 

Auch schon mal ein wiederkehrendes Blackout zu einer vollkommen harmlosen Frage gehabt? The Limiñanas schon. Wir sprechen in Rätseln? Hier kommt die Auflösung: „Man hat uns diese Frage schon einmal gestellt, das ist schon länger her und wir haben damals irgendsowas Beklopptes wie Tom Jones geantwortet, aber das haben wir schon gleich im Anschluss an das Interview wieder bereut, denn wir hatten eine viel bessere Antwort, als wir wieder zurück im Backstage-Bereich waren. Aber natürlich fällt sie mir jetzt schon wieder nicht ein.“ Vielleicht soll’s ja einfach nicht sein … Ehefrau Marie hilft Lionel Limiñana dann aber doch noch aus der Patsche: „Ich hätte gesagt: die Poppys!“. Dummerweise sieht Lionel das völlig anders:  „Nein!? Du magst doch nicht ernsthaft die Poppys? Du machst ja echt vor gar nichts Halt.“ Und Marie erwidert: „Ja, stimmt schon irgendwie. Aber die Poppys sind voll cool!“ Da wir zuvor noch nie etwas von den Poppys gehört haben, fragen wir das Duo aus Perpignan, was es damit auf sich hat: „Die Poppys sind ein Knabenchor aus den 1970er Jahren, ich glaube die kamen aus irgendeiner Klosterschule. Das Besondere an dem Chor war, dass sie keine Kirchenlieder sangen, sondern Pop-Hymnen. Naja, also super-harmlose Pop-Hymnen mit windelweichen Botschaften wie ‚Krieg ist böse‘ … Das traf damals voll den Nerv der Zeit!“ Marie ist zwar Fan, aber nicht auf den Kopf gefallen, und erzählt noch einige weniger amüsante Details über die Gruppe: „Viele Jahre später kam es zum Skandal als bekannt wurde, dass die Kinder von den Erlösen ihrer Schallplatten nicht einen einzigen Cent gesehen haben ... Aber egal, ich mag auf jeden Fall den Titel ‚Isabelle‘, und dazu steh ich auch!“.

Portrait The Liminanas
The Liminanas © Gwendal Le Flem

Später am Abend präsentierten The Limiñanas ein Set von geradezu unfassbarer Musikalität: Die perfekte Symbiose von Garage und französischem Yéyé, die uns nach der schier endlosen Revival-Performance von Teenage Fanclub wieder wachgerüttelt hat. Es ist halt schwierig, in Nostalgie zu schwelgen, wenn man nie Fan war, aber das ist mein ganz persönliches Problem. Selig sind auf jeden Fall die Internetnutzer, die sich das Ganze im Replay noch einmal ansehen können, denn das Publikum in Saint-Malo war von dem Auftritt hin und weg. Doch kommen wir zurück zu Las Limiñanas, deren Live-Qualitäten wohl etwas damit zu tun haben, dass die beiden den gleichen Rhythmus haben. Das Tempo ist mit Bedacht gewählt, die Band spielt sehr regelmäßig, geht aber niemals sehr lange auf Tour – sonst würden sich die zwei wohl öfters in die Haare kriegen, gesteht Lionel. Das sei auch der Grund für ihr inneres Gleichgewicht, fährt er fort und erinnert daran, dass viele Gruppen aufgrund fehlenden Beziehungsmanagements auseinandergehen würden. Vielleicht hätten sie aber auch nur ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass sich Beziehungen abnutzen können, denn wenn man Tag für Tag rund um die Uhr im Tourbus, im Backstagebereich, auf der Bühne und im Hotel aufeinander hockt, hat man von seinem (Bühnen-)Partner schnell die Nase voll. Die Weisheit des Tages lautet also: Man muss die Bedingungen für ein harmonisches Miteinander schaffen, damit es endlos so weitergehen kann.

Teenage Fanclub à la Route du Rock Hiver
Teenage Fanclub beim Festival Route du Rock Hiver Teenage Fanclub stehen seit über fünfundzwanzig Jahren für feinsten Indie-Pop aus Schottland.  Teenage Fanclub beim Festival Route du Rock Hiver

 

 

Während Goat Girl auf die Bühne kommt, schleichen wir uns wieder backstage. Dort philosophiert man gerade über die Reaktionen, die man auf der Bühne hat, wenn man unglücklicherweise während des Auftritts einen gähnenden Zuschauer erblickt bzw. über die Erleichterung, die sich einstellt, wenn man jemanden sieht, der total abrockt. Kurz: wie das Publikum den Musikern Flügel verleihen oder aber sie total runterziehen kann. Juniore ist ein Duo, das mit unserer Kreidetafel posiert und sich gegenseitig die Bälle zuwirft, wenn es darum geht, über welche Geschmäcker man sehr wohl streiten kann: „Ich würde tendenziell ‚Toxic‘ von Britney Spears wählen, aber es kann auch was anderes sein“, erklärt eine der beiden, und die andere erwidert im gleichen Atemzug: „Ich dachte eher an ‚Dancing Queen‘ von ABBA.“ Und die erste wieder: „Ach nein, das finde ich überhaupt nicht. ABBA ist kein ‚guilty pleasure‘, ABBA ist ehrenwert.“. Und die zweite so: „Vielleicht hast du recht, ich kann mit ‚Toxic‘ auf jeden Fall gut leben.“ Dann wird laut über die Entscheidung nachgedacht: „Britney Spears, das ist schon ein ziemliches ‚guilty pleasure‘. Wundert mich gar nicht, dass auch andere sie gewählt haben.“ Da müssen wir natürlich nachhaken: Was ist an ABBA ehrenwert und an Britney Spears nicht? #leavebritneyalone heißt schließlich die Devise! Plötzlich kommen Zweifel auf: „Hmm, ich weiß auch nicht. Stimmt, darüber lässt sich streiten. Aber auf jeden Fall finde ich, dass man bei ABBA die Suche nach einem eigenen musikalischen Ausdruck erkennt, während Britney Spears immer nur ein Produkt war … Das ist keine Frage des Geschmacks, das ist eine Frage von Tiefe, und die kann ich bei ABBA erkennen. Das heißt, auch wenn sie ihre Songs und Auftritte immer extrem ästhetisiert haben, war ihr blitzblankes Hippie-Image immer auch mit einer gewissen Hintergründigkeit verbunden. Aber natürlich hat der Blick auf Britney Spears als US-amerikanisches Konsumprodukt auch etwas sehr Europäisches.“ Erwischt! Letzten Endes können wir uns guten Gewissens darauf einigen, dass die sündhafte Produktion von „Toxic“ durchaus ihren Reiz hat – und das Potenzial, sowohl Juniore aus Frankreich als auch Omni aus den USA in gewisser Weise zu inspirieren, wie wir im Laufe unserer Interviews an diesem Wochenende festgestellt haben.

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Juniore © Gwendal Le Flem

 

Nach einer so genialen Edition freuen wir uns schon wahnsinnig auf das nächste Festival. Auf Wiedersehen im Sommer in Saint-Malo zur nächsten Ausgabe von Route du Rock! Ich freu mich!

Foto © Gwendal Le Flem