Route du Rock Hiver

Route du Rock 2017 / 2. Tag: Alles, alles, alles im Replay

Shame
24. Februar 2017: Das Team bricht am frühen Morgen nach Saint-Malo auf. Die nächsten beiden Abende stehen ganz im Zeichen der Winter-Edition des Festivals Route du Rock. An diesem Freitag erwarten uns Buvette, Shame und Cherry Glazerr, die mit uns und für die Zuschauer spielen werden: Auf die Plätze, Replay, Los!

Ein kleiner Umweg zu den berühmten Stadtmauern der Altstadt von Saint-Malo, kurz die Koffer abgestellt und ab geht’s zu La Nouvelle Vague, einem Veranstaltungssaal, der von den gleichen Leuten geleitet wird, die auch das Festival organisieren. Wir sind mit einem Musiker aus der Schweiz verabredet, der bei Pan European Recordings unter Vertrag ist: Cédric Streuli, aka Buvette. Auch ihn fragen wir, welcher Song bei ihm Gnade findet, obwohl böse Zungen ihn als Geschmacksverirrung bezeichnen. „Dieses Stück, ich glaube, ich muss wirklich mal darüber reden ... Das gehört zu diesen Sachen, die man in der Jugend macht, wenn man eine Maxi kauft, ohne genau zu wissen, ob man sie wirklich mag und sie dann nie wieder anhört. Ich war drauf und dran zu sagen: Coolio mit ‚Gangsta’s Paradise‘, aber in Wirklichkeit höre ich das Stück bis heute sehr gern.“ Auch hier ist die Antwort nicht so einfach, wie wir gedacht hatten, deshalb sucht Cédric weiter. Der Chef des Labels, Arthur Durigon, stößt zu uns und setzt sein typisches, leicht verschmitztes Lächeln auf. Buvette fährt fort: „Lass mich noch mal überlegen, das ist gar nicht so leicht ... Ah, jetzt! Dieser eine Madonna-Song, ich weiß nicht mehr, wie er heißt, aber ich sing ihn dir vor. Der geht los mit ‚I hear you call my name‘ … Genau! ‚Like a Prayer‘! Ich finde diesen Song unglaublich. Schon das Intro ist sagenhaft: zwanzig, dreißig Sekunden lang hörst du am Anfang nur die Chorstimmen, die immer lauter werden, bis die Leadstimme einsetzt, und erst später, wenn die Beats einsetzen, nimmt das Stück Gestalt an. Später kommt dann dieser Break, das ist wunderschön! Da treffen unheimlich viele unterschiedliche Genres aufeinander: Auf den ersten Blick klingt alles total nach durchkonstruierter Popmusik, aber es gibt auch einen Haufen anderer Sachen. In der Bridge klingt es zum Beispiel ein bisschen afrikanisch, aber eher so grenzwertig. So ein auf World Music getrimmter Afro-Sound à la Jimmy Cliff. Wie auch immer, ich hab das schon als kleiner Junge gehört, und ich habe schon seit vielen Jahren eine besondere Beziehung zu Madonna. Mein Vater hatte damals auch ihr Album ‚True Blue‘ auf Kassette, die haben wir im Auto ganz oft gehört.“ Was sich an dieser Stelle schon über die Antworten sagen lässt, die uns die Künstler auf unsere ungewöhnliche Frage geben: Die einen schwelgen eher in Erinnerungen, die anderen zeigen sich dagegen als „nicht so festgelegt“.

Portrait Buvette
Buvette © Gwendal Le Flem

 

Wo genau Cherry Glazerr hier zu verorten sind, können wir leider nicht beantworten: Wegen eines Problems bei der Terminabsprache kommen wir nicht dazu, sie zu fragen. Wir trösten uns dafür mit ihrem Konzert, das wir aufmerksam verfolgen: Auf der Bühne steht eine Keyboarderin an den Synths, die Gitarristin singt, der Schlagzeuger macht eine gute Figur und der Bassist hält sich vornehm zurück. Hier geben ganz klar die Frauen den Ton an. Kein Wunder also, dass im ersten Drittel des Konzerts der Song „Power to the Pussy“ angestimmt wird. In den 1990ern wäre die Band sicher bei Geffen unter Vertrag gewesen oder hätte zu den ersten Riot Grrrls gezählt. Kurzum: Sie klingen ein bisschen genervt, vor allem aber wild entschlossen. Das Duo Bass-Schlagzeug agiert gänzlich unauffällig, leistet aber solide Arbeit und strukturiert die Songs mit einer gewissen Power. Vor uns im Publikum legt jemand beim Tanzen sehr viel mehr Energie in seine Bewegungen als die Musiker auf der Bühne: Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Zuschauer manchmal mehr Show machen als die Band selbst – oder mehr Begeisterung an den Tag legen, als erforderlich wäre, wenn man das so sagen möchte. Wir haben unseren persönlichen Helden des Abends auf jeden Fall gefunden. Schade nur, dass wir ihn nicht direkt filmen und zeigen können, aber wer weiß: Vielleicht entdeckt ihn ja der eine oder die andere im Replay?

Cherry Glazerr à la Route du Rock Hiver 2017
Cherry Glazerr beim Festival Route du Rock Hiver 2017 Der aus Los Angeles stammenden Band lächelt seit ihrer Gründung 2013 das Glück. Cherry Glazerr beim Festival Route du Rock Hiver 2017

 

Als die fünf Jungs von Shame auf die Bühne kommen, erwarten wir eine noch durchgeknalltere Performance als in unserem Gespräch. Und wir werden nicht enttäuscht! Mit ihrer für Briten so typischen Distanziertheit und einer gespielten Gelassenheit, die sich sonst nur echte Urgesteine der Popmusik leisten können, sprechen sie mit uns über das, wofür sie sich – trotz ihres Bandnamens – musikalisch nicht schämen. „‚Careless Whisper‘ von George Michael ist schon so ein Song, bei dem man Lust bekommt, sich langsam auszuziehen. Daneben fällt mir noch ‚Every Rose Has its Thorn‘ von Poison ein. Wir spielen diesen Song ziemlich oft in unterschiedlichen Stilen, aber bei unserer Version muss man zwischen den Zeilen lesen. Wir stehen sogar gerade mit den Jungs von Poison in Kontakt“, erzählt uns der Leadsänger, bevor wir auf „Foundations“ von Kate Nash zu sprechen kommen. Wir wundern uns, dass sie so freimütig über ihre so genannten „guilty pleasures“ sprechen und fragen sie, warum man sich eigentlich für bestimmte musikalischen Vorlieben schämen sollte: „Man kann der Meinung sein, dass man sich für solche Songs schämen muss, weil sie super-billig sind. Meist ist es Popmusik aus den 1980ern, und die ist in ihrer unglaublichen Eingängigkeit so schlecht, dass man schon fast wieder von einem Geniestreich sprechen muss. Manche Songs machen einfach nur gute Laune und Lust auf Party. Zu mehr müssen sie auch nicht gut sein. Manchmal will man Musik hören, die einen zum Weinen bringt, manchmal hört man Bruce Springsteen, weil man irgendwohin muss – und seine Musik ist definitiv für Leute gedacht, die gehen müssen. Manchmal hört man Musik, weil es draußen regnet ... Manchmal hängt es auch von der Landschaft ab. Wenn es nur ein Song sein soll, dann wäre das ‚Northwest Passage‘, ein A-capella-Stück von dem Kanadier Stan Rogers.“ Anlass genug für eine kleine improvisierte Choreinlage auf dem Parkplatz, in die wir fröhlich einstimmen.

Shame
Shame © Gwendal Le Flem

 

Als wir wieder in der Regie sind, beschließen wir, das gesamte Konzert auf der Monitorwand zu verfolgen: Wir klemmen uns auf einen Stuhl hinter den Aufnahmeleiter und rühren uns für den Rest des Auftritts nicht vom Fleck. Ein Bein zuckt rhythmisch mit, die Füße wippen im Takt, Schweiß rinnt den Nacken entlang, der Rest des Körpers bewegt sich – eingesunken in den Regiesessel – ohne Pause so gut es geht, während die Hände immer wieder an den Potis herumschrauben (wie die Techniker die Drehknöpfe an den Mischpulten liebevoll nennen). Thierry Villeneuve ist völlig von der Musik ergriffen und orchestriert die Bilder der sechs Kameraleute: einer mit Kran, einer auf der Bühne, einer im Publikum, einer mit Großaufnahme auf der Gitarre, einer mit der Totalen, einer mit Detailaufnahme des Schlagzeugs. Auf den Bildschirmen stehen ihre Vornahmen und über die Funkstrecke werden alle drei Sekunden Anweisungen erteilt – in dem freundlichen, kumpelhaften Ton, der allen Teams zu eigen ist, die schon lange miteinander arbeiten. „Diego, zieht das Ding ein bisschen höher, ja, genau so, top! Flo, halt fahr mal näher ran, dass man die Hände sieht. Jean-Luc, zieh das Bild auf, Kamera 4 ist jetzt auf Sendung, Snugg, Kamera 4 auf Sendung! Ja, genau so, wunderbar. Zack, Zack … Aber nein, nicht so. Muss ich dir ne Zeichnung machen?“ Man kann sich nicht vorstellen, wie anstrengend das ist: Die Regie einer Fernsehaufzeichnung geht an die Substanz, alles passiert in Sekundenbruchteilen. Man muss die einzelnen Kamerabewegungen vorausahnen und live miteinander in Beziehung setzen, ohne dabei den Blick für den Ablauf der Gesamtsendung aus den Augen zu verlieren. Das ist schon ziemlich anspruchsvoll. Wir hatten nicht die geringste Ahnung, was für enorme psychomotorische Fähigkeiten dieser Job erfordert. Damit die Zuschauer ihren Replay gemütlich am heimischen Bildschirm verfolgen können, sind hinter den Kulissen 25 Personen in Action, den ganzen Tag bis spät in die Nacht, bewegen massenweise Ausrüstung, ziehen Hunderte Kabel, wechseln zahllose Speicherkarten und Akkus aus … Das ist unglaublich anstrengend, aber das Lächeln auf den Gesichtern der Techniker zeigt, dass ihnen die Arbeit Spaß macht, denn sie alle verbindet – wenn man den Unterhaltungen zwischen den einzelnen Konzerten lauscht – eine unbändige Liebe zur Musik. Wir sehen uns morgen wieder. Bis dahin viel Spaß beim Replay!

Shame à la Route du Rock Hiver
Shame beim Festival Route du Rock Hiver Die schlimmsten Finger des Rock-Business stammen aus England – und es werden immer mehr! Shame beim Festival Route du Rock Hiver

 

Foto © Gwendal Le Flem