Route du Rock Hiver

Route du Rock 2017 / 1. Tag: Vertrauen gegen Vertrauen

Route du Rock LS1
Es ist Donnerstag, der 23. Februar 2017: Wir sind gerade in Rennes angekommen, um im Kulturzentrum L’Antipode die Auftritte der beiden Gruppen Omni und Rendez-Vous anlässlich der Winter-Edition des Festivals Route du Rock zu filmen. Das Wiedersehen mit dem Festival-Team fühlt sich an, als hätten wir uns erst gestern voneinander verabschiedet. Dabei ist seit der Sommer-Ausgabe schon wieder ein halbes Jahr ins Land gegangen. Und schon sind die Kameras geschultert und die Mikros in Stellung gebracht. So sieht er aus, der „indie way of life“!

Als wir Rendez-Vous zuletzt begegneten, fuhren sie in einem fetten Mercedes die Pariser Ringautobahn entlang. Vor laufender Kamera inszenierten wir mit ihnen das eine oder andere riskante Überholmanöver, und dreimal hätte es fast gekracht ... Nein, Quatsch! Wir hatten einfach nur eine Menge Spaß auf dem Weg zum Festival Route du Rock. Beim Wiedersehen vor Ort wenige Stunden vor ihrem Liveauftritt erleben wir die vier Jungs ganz gesittet und konzentriert an ihren Instrumenten. Der Soundcheck verläuft ohne Probleme, und in Momenten wie diesen spürt man etwas sehr Schönes: eine gewisse erwartungsvolle Anspannung, die allen Menschen zueigen ist, die ihr Bestes geben wollen. Man merkt, wie von Minute zu Minute die Lust wächst, auf die Bühne zu gehen und zu spielen – was zuweilen mit einer erstaunlichen Gelassenheit einhergeht. Die Band empfängt uns im Backstage-Bereich für ein kurzes intimes Interview, und wir befragen sie zu ihren musikalischen „guilty pleasures“, also den Songs, die sie nur heimlich im stillen Kämmerlein hören, damit sich niemand über sie lustig macht. Jetzt müssen die neuen Vertreter der Cold Wave die Masken fallenlassen! „Ehrlich gesagt, bei den Sachen, die wir hören, gibt es eine ganze Menge, für die man sich schämen müsste", gestehen sie freimütig. „Zum Beispiel die Gruppe 666 mit Alarma, ein Dance-Track aus Spanien vom Typ Mákina. Und dann hören wir Supertramp, aber dafür muss man sich eigentlich nicht schämen. Das ist eine Frage der Generation. Wenn ich mit meinen Eltern darüber rede, sagen sie mir, Supertramp waren früher das, was heute David Guetta ist, aber was soll’s: Mir gefällt’s.“ Wir unterhalten uns weiter und sind schließlich ganz einer Meinung, dass die Menschen heutzutage dank Internet im Allgemeinen „unverkrampfter geworden sind, was ihren Musikgeschmack angeht. Man ist nicht mehr so auf einen bestimmten Stil, eine Szene oder die Vorlieben der Peergroup festgelegt.“ Das beste Beispiel liefern Rendez-Vous selbst, als sie sich sogar mit Beweisfoto zu ihrem „guilty pleasure“ bekennen: „Na gut, wenn ich ganz ehrlich sein soll, dann sind das All Saints. Vor allem ihr Song ‚Pure Shores‘ ist einfach granatenmäßig!“

Portrait Rendez-Vous
Rendez-Vous © Gwendal Le Flem

 

Kaum haben wir die Garderobe von Rendez-Vous verlassen, laufen wir auch schon Tim Darcy in die Arme. Hach, Tim Darcy … Wir bedauern natürlich, seinen Auftritt nicht filmen zu können, aber seine Tour hat ja gerade erst begonnen. Manchmal muss man sich halt ein wenig gedulden ... Bis es ihn live auf der Bühne zu sehen gibt, kann man sich ja schon mal sein Soloalbum anhören. Und als kleines Trostpflaster zeigen wir hier noch einmal das Konzert seiner Band Ought auf dem ersten ARTE Concert Festival: feinster Rock à la Velvet Underground! Aber jetzt wollen ihn doch mal nach seinen geheimen Musikpräferenzen fragen. Hat er überhaupt welche? „Aber ja doch“, erzählt er uns, „und nicht nur eine!“ Und da es gar nicht gut ist, dunkle Geheimnisse mit sich herumzuschleppen und Tim sowieso nicht zu den Leuten gehört, die sich mit so etwas belasten würden, erklärt er geradeheraus: „Ich liebe ‚Stayin’ Alive‘ von den Bee Gees. Die männliche Falsettstimme wird irgendwann unerträglich, aber die Melodie ist einfach unheimlich stark!“ Und plötzlich geht einem das Bild nicht mehr aus dem Kopf, wie Tim gemeinsam mit seinen Musikern und Chorsängern den Disco-Klassiker aus den 1970ern anstimmt – vielleicht im Tourbus als eine Art großangelegtes Carpool Karaoke? „Ich habe den Song noch nie auf der Bühne gesungen, aber ich singe ihn immer, wenn ich am Steuer sitze – und ja: nicht nur, wenn ich alleine bin. Ich finde, dass keine Musik Grund dafür sein sollte, sich zu schämen. Wenn man die richtigen Leute um sich hat, kann man alles mögen und auch dazu stehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir ‚Stayin’ Alive‘ unterwegs auch schon mal gemeinsam gesungen haben. Wenn wir auf Tour sind, müssen wir oft stundenlang Kilometer schruppen, da bleibt genügend Zeit, um alles Mögliche zu singen.“

Portrait Darcy
Tim Darcy © Gwendal Le Flem

 

In der Garderobe nebenan ziert man sich ein wenig, seine persönlichen „guilty pleasures“ zu offenbaren: „Ich weiß schon, was ich sagen würde, aber ich werde den Teufel tun!“ Dieses OMNI-Mitglied bewahrt also Stillschweigen über seine heimlichen musikalischen Vorlieben. Seine beiden Kumpel sind deutlich gesprächiger und brechen auf dem Sofa in schallendes Gelächter aus. Anschließend denken aber auch sie sehr sorgfältig über diese Frage nach, und irgendwie bekommt man den Eindruck, dass Musiker dieses Thema doch ziemlich ernst nehmen. Eigentlich gebe es in der Musik keine „guilty pleasures“, denn Musik sei viel zu wertvoll, um sich darüber lustig zu machen. Hinter kitschigen, trashigen oder schnulzigen Titeln würden sich oft super eingängige Melodien verbergen, die ihre Wirkung nicht verfehlten. „Ich mag zum Beispiel alles von Rihanna, vor allem den Titel ‚Only Girl (in the World)‘. Eigentlich wiederholt sie darin immer das Gleiche, aber es funktioniert total gut: Man kann super dazu tanzen, das ist wie gemacht für die Clubs." Sieh mal einer an … Wo wir schon einmal dabei sind, können wir gleich ein bisschen über die besonderen Eigenschaften von Ohrwürmern fachsimpeln: Welcher Song repräsentiert wohl am besten die Fähigkeit, wirklich jeden Hörer zu erreichen? „Ich würde sagen ‚Toxic‘ von Britney Spears, und das gilt wohl für uns alle drei, denn wir sind ja damit groß geworden. Ganz objektiv ist es ein supergutes Lied, der Titel ist echt abgefahren, die Produktion absolut großartig, mit genau der richtigen Prise Sexyness – einfach perfekt!“ Man hätte vielleicht auch „Geilheit“ sagen können – im eher schlüpfrig-privaten Sinn – aber das ist nur unsere bescheidene Interpretation.

Portrait Omni
Omni © Gwendal Le Flem

 

Als es zum Auftritt auf die Bühne geht, steht die Stimmung im Saal allerdings mehr nach unbändigen Kraftausbrüchen (mit den Lieblingsthemen der Rockmusik, Zweifel, Wut, Dringlichkeit, Melancholie, Leidenschaft und Spannung) als nach der schwelgerischen Glitzerwelt der Popmusik, aber jetzt wissen wir zumindest, dass auch Rocksänger tief im Herzen eine Schwäche für den Sound of Tennessee haben.

Foto © Gwendal Le Flem