Route du Rock Été

ROUTE DU ROCK 2016: TAG 3 – Woran man die Besten erkennt

FIDLAR

14. August 2016 - dritter und letzter Tag der Sommerausgabe des Indie Way of Life. Noch immer herrscht eine gewisse Anspannung bei den Organisatoren, denen die Absagen des Vorjahres noch in den Knochen stecken, doch seit gestern ist das Zuschaueraufkommen groß genug, um die Kosten wieder einzuspielen. Gerade mal so. Nächstes Jahr sollte man das Festival daher unbedingt auf dem Zettel haben.

Wir träumen schon ein klein wenig von der nächsten Ausgabe des Festivals im kommenden Jahr und machen das Beste aus diesem Sonntagnachmittag in Saint-Malo, um endlich ein paar Stunden am Strand (!) zu verbringen. Wir setzen ein Ausrufezeichen, weil auch Halo Maud bei uns für ein Aha-Erlebnis gesorgt und frischen Wind in unsere Ideen gebracht hat. Sie ist ein Kind der neuen französischen Popwelle und hat keine Scheu von ihren Zweifeln, ihren Niederlagen und ihren mehr oder weniger schnell vorübergehenden depressiven Stimmungen zu singen, vor allem aber von ihren Hoffnungen und ihrem Traum von einem heiteren, einfachen Leben. Für alle, die zuvor noch nie von ihr gehört hatten (also für uns), waren ihre kleinen, unkonventionellen Alltagsgeschichten eine echte Überraschung. Auch weil sie unsere klischeehaften Vorstellungen von einer ziel- und haltlosen Generation völlig über den Haufen werfen. Nach einem erfrischenden Bad begeben wir uns trotz sommerlicher Bettschwere und erbarmungsloser Sonnenhitze in Richtung Fort de Saint-Père, das heute irgendwie weiter weg zu sein scheint als in den letzten Tagen … Völlig durch den Wind treffen wir auf dem Festivalgelände ein, die Körper von zwei durchtanzten Nächten völlig ausgepowert, und können uns nicht vorstellen, dass wir und die anderen Halb-Zombies hier schon bald wieder Party machen sollen. Doch wir haben die Rechnung ohne Morgan Delt gemacht, den gutaussehenden Burschen von der Pazifikküste, dessen Sound-Ozean von der Scène des Remparts aus das noch schlaftrunkene Publikum umspült. Wir lassen uns nur allzu gerne von seinem Psychedelic Rock davontragen.

Da ihr der Ruf eines Stars von Morgen vorauseilt, wollen wir einen genaueren Blick auf Julia Holter werfen, und wir stellen schnell fest, dass das eine weise Entscheidung war. Begleitet wird sie von einem mal gestrichenen, mal gezupften Kontrabass, Geige und Schlagzeug; sie selbst steht am Keyboard und singt. Das Publikum erliegt rasch ihrem musikalischen Feingefühl, das sich in einem Set voll rhythmischer Wechsel, meisterhaft eingesetzter Backing Vocals und kunstvoller Arrangements manifestiert, und lässt sich in überraschende Klangwelten entführen, wo es haufenweise Neues zu entdecken gibt. Dabei lässt sich die junge Frau auf keinen Stil festlegen. She's a storyteller! Julia Holter wird in Zukunft wohl noch so einiges von sich hören lassen, doch wir sind froh, dass wir sie im Backstage-Bereich noch für ein oder zwei kleine Spielchen abfangen können: Ihre Kindheitsträume zeichnet sie uns auf die Kreidetafel, wobei sich (noch) nicht alle erfüllt haben – Schlagzeug will sie zum Beispiel noch lernen. Dann gibt sie uns noch ein Prequel ihres nächsten Songs, der noch keinen Titel hat und „ganz anders klingt als alles, was ich vorhin gespielt habe“, wobei sie ihn „bislang erst ein einziges Mal gespielt“ hat. „Er ist wirklich ganz kurz, ziemlich flott, voller Energie, geheimnisvoll. Wart’s einfach ab!“

Julia Holter
Julia Holter

 

Während wir uns mit Julia unterhalten, dringt aus der Ferne Lush an unser Ohr – zu fern, um an dieser Stelle ein kompetentes Urteil dazu abgeben zu können … Aber wozu gibt es schließlich den Replay? Danke, ARTE!

Wir kommen gerade rechtzeitig zum Konzert – ach was! – zur Show von Fidlar, den wir in privilegierter Stellung vom Bühnenrad aus erleben dürfen. Nicht etwa damit wir von dem miesen Sound dort profitieren können, sondern weil sich die tobende Menge von dort aus besser beobachten lässt, denn das eigentliche Spektakel spielt sich vor der Bühne ab. Die Band hat sichtlich Spaß daran, kippt ordentlich Öl ins Feuer und schüttet noch eine Ladung Benzin hinterher. Ihr wollt Punk? Ihr wollt eine ordentliche Dröhnung aus den Untiefen des Garage? Ihr wolltet euch schon immer mal in etwas suhlen, von dem ihr nicht genau wusstet, was es ist? Ihr braucht nicht länger zu suchen. Lasst jede Contenance fahren, Fidlar sind da. Die Band ist die personifizierte Elektrizität, und wir fühlen uns nach dem Auftritt ein wenig so, als wären wir gerade durch den Schleudergang der Waschmaschine geschleust worden. Ob sie noch genügend Energie für ein Schwätzchen haben? Für die Kreidetafel langt es auf jeden Fall:

FIDLAR
FIDLAR

 

Als sie klein waren, wollten die Bandmitglieder also wahlweise Verbrecher werden, ihren außerirdischen Bruder kennenlernen, ein Schaf sein oder in die Hosen machen. Noch Fragen offen? Vielleicht, denn einer dieser vier Kindheitsträume ist im Erwachsenenalter zum schlimmsten Albtraum eines der vier Musiker geworden. Welcher wohl ...? Ansonsten offenbart Elvis Kuehn: „Wenn mir eine gute Fee die Möglichkeit geben würde, eine Nationalhymne selbst zu bestimmen, wäre das Fortunate Son von Creedence Clearwater Revival für die USA. Es geht in dem Song darum, dass man in den Vereinigten Staaten aufgewachsen ist, ohne sich in das System zu integrieren, ohne darin aufzugehen und immer ein wenig Außenseiter zu bleiben oder, besser gesagt, man selbst.“ Wenn er die Möglichkeit hätte, mit einem der teilnehmenden Künstler am diesjährigen Festival im Duett zu singen, würde Zac Carper am liebsten „ein MC-Battle mit den Sleaford Mods machen. Die würden ein total britisches Ding machen und ich ein total amerikanisches – das wäre total crazy! Wahrscheinlich wäre es gar kein richtiger Song, eher eine Jam-Session.“ Der letzte unserer Antwortgeber (wir verraten nicht, welcher) würde gerne „eine Art Klavier bauen, dessen Tasten aus Puppen nach Art der Muppets bestehen. Um darauf zu spielen, müsste man ihnen auf den Kopf hauen.  Ich würde das Ganze Puppet-Organ nennen.“

Von Fat White Family haben wir während unseres Interviews so gut wie gar nichts mitbekommen. Das müssen wir irgendwann nachholen, denn diejenigen, die dort waren, kehrten in einem – sagen wir mal – bemerkenswerten Zustand zurück. Das hier ist schon ein harter Job, ständig muss man Opfer bringen … Und wenn man nicht mehr die Kraft hat, den ausgemergelten Leib anderswo hinzubewegen als in Richtung Boden oder um sich auf die Ecke eines Flycase zu setzen, weil man während Savages nicht hinter die Bühne darf, zickt man halt ein bisschen rum und lässt es bleiben. Zwar nimmt die Neugier irgendwann überhand und man kämpft sich bis nach vorn an den Bühnenrand, aber letztlich scheitert das Ganze dann doch an der weisen Erkenntnis: „Dich trifft keine Schuld, es liegt an mir …“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Nachdem Savages die Scène du Fort geräumt haben und damit auch gleich ein ganzer Schwung ihrer (mindestens) hörigen Fanschar von dannen zieht, gibt es von Jagwar Ma ganz andere Töne zu hören. Zuvor sind allerdings noch die Sleaford Mods dran, doch angesichts des Stadiums fortgeschrittener Gehirnerweichung, das meine Wahrnehmungsfähigkeit trotz der Show der beiden aufgekratzten bzw. völlig durchgeknallten Vögel auf der Bühne auf den Nullpunkt gebracht hat, kann dazu nicht mehr allzu viel Sinnvolles zu Computer gebracht werden. Auch im Halbschlaf kann ich daher nicht aufhören, das Lob des Replay zu singen. Hosianna!

Da Jagwar Ma uns in der Vergangenheit, irgendwann einmal, bei irgendeinem Anlass ordentlich zum Lachen gebracht hat, raffen wir uns für das Finale des dritten Festivalabends noch einmal auf. Zumindest versuchen wir’s, als wir uns am Bühnenrand niederlassen, um mit dem Oberkörper ein wenig im Rhythmus mitzuwippen, weil die Beine von einem Augenblick auf den anderen den Dienst quittieren. Als die Scheinwerfer ausgehen, sagt auch der restliche Körper Feierabend: keine Polonäse, keine Aftershow-Party. Im Zug zurück nach Paris werden wir von einer Art Melancholie übermannt, der Frustration, dass dieser Ausflug nach Neverland tatsächlich schon vorbei sein soll. Wir leiden an einer handfesten Post-Party Depression. Für Festivals gilt: Daran erkennt man die besten.

Foto © Rod Maurice