Route du Rock Été

ROUTE DU ROCK 2016: TAG 2 – Drunter und drüber

La Femme
Samstag, 13. Juli 2016 – zweiter Festivaltag bei der Sommeredition von La Route du Rock. Und nichts läuft wie geplant: Kein Regen, keine Strohballen-Schlacht, keine Schlammschlägerei. Dafür gibt’s eine Verzögerung bei Exploded View und schließlich wird der Auftritt von The Field abgeblasen – der gesamte Konzertplan wird über den Haufen geworfen. Nun gut, wir haben schon Schlimmeres erlebt, aber wenn Murphy’s Law zuschlägt, dann richtig. Hier eine kleine Übersicht über den unvorhergesehenen Verlauf des zweiten Festivaltags.

18:30 Uhr: Aus den Shuttlebussen ergießen sich die Zuschauermassen ins Fort Saint-Père, wo sie auf der Scène des Remparts von Ulrika Spacek begrüßt werden. Auch wenn das Barometer rein wettertechnisch auf Surf Music steht, zieht von der Bühne her ein Elektro-Gewitter auf, das von der Londoner Formation mit ultra-hartem Sound durch die Atmosphäre gejagt wird: Whitenoise donnert auf Shoegaze und Noise-Blitze zucken durch den Krautrock. Nächstes Jahr können wir uns dann wohl auf Stoner Rock gefasst machen. Wir treffen die Jungs später am Abend für einen (Wetter-)Bericht ganz anderer Art aber dennoch mit einer ordentlichen Portion atmosphärischer Ladung. Rhys Williams legt als erster los: „Ich will mal auf die Frage nach dem schlimmsten Albtraum auf der Bühne antworten, denn den habe ich schon einmal erlebt! Das war damals in Spanien, wo wir unser erstes Konzert hatten: Wir saßen im Flugzeug und das Ganze versprach eine Supersache zu werden. Ich war fest davon überzeugt, dass alles glatt geht, doch am Ende ging wirklich alles schief, was nur schiefgehen konnte. Meine Gitarre war völlig verstimmt, und das war erst der Anfang einer Reihe von blöden Zwischenfällen, die den ganzen Tag lang genervt haben. Ich war wirklich total schlecht drauf. Es gibt da ein Foto von mir auf der Bühne, wo man genau erkennen kann, dass der Auftritt für mich die reinste Quälerei war: Ich hielt den Kopf gesenkt und starrte auf den Boden – oder besser in Richtung Bühnenrand, wo ich mich am liebsten hinverkriechen wollte, aber es gab kein Entrinnen! Der Abend war für mich eine echt schmerzliche Erfahrung." Auch Schlagzeuger Callum Brown kramt in seinen schlechten Erinnerungen, nimmt seinen persönlichen Albtraum aber deutlich gelassener: „Ok, dann wähle ich mal die gleiche Frage, denn mir ist etwas ganz Ähnliches passiert, allerdings bei einem ganz anderen Konzert. Alles war super, bis mir ein Toningenieur einen Zug von dem Zeug anbot, das er gerade rauchte. Ich hab nicht nein gesagt, und plötzlich erschien alles um mich herum so sonderbar und verschwommen. Ich spielte, doch ich wusste nicht genau, was ich da eigentlich mache. Mir war aber schon klar, was da gerade mit mir passiert, denn ich sagte mir: ‚Oh Shit, hättest du mal lieber nicht ...‘ Aber es war zu spät, ich musste da durch. Als ich nach dem Konzert hinter die Bühne kam, waren alles ziemlich angepisst und ich habe mich in Grund und Boden geschämt ... Ich musste dann irgendwie weggebracht werden. So was passiert mir nicht noch einmal.“

Ulrika Spacek
Ulrika Spacek

 

Leadsänger Rhys Edwards erinnert in seiner Geschichte schließlich daran, dass Kleider (keine) Leute machen: „Mein schlimmster Albtraum auf der Bühne ist mir tatsächlich passiert. Eine handfeste Magen-Darm-Grippe und ich auf der Bühne ganz in weiß … Mehr brauche ich nicht zu erzählen, oder? Kotzen ist ja noch in Ordnung, das ist Rock’n’Roll. Wäre mir auch wesentlich lieber gewesen als das da … Das hat mich echt traumatisiert. Seither unternehme ich alles, um Bühnenkatastrophen in weißen Outfits aus dem Weg zu gehen. Und das ist ganz schön harte Arbeit!“ Aus der Ferne hört man, wie La Femme ihr Publikum malträtieren, das diese Behandlung – wenn man den Schreien und Jubelrufen Glauben schenken kann – mit großer Wonne über sich ergehen lässt. Doch wir sind noch nicht fertig mit unseren kleinen Engländern, die uns vor ihrem Abgang noch zwei Träume von sich verraten: „Wenn ich mein eigenes Instrument bauen könnte, hätte ich wohl schon ein Problem damit mich zu entscheiden, wie es klingen soll, denn es gibt so viele Klänge auf der Welt, so viele Möglichkeiten … Es wäre wahrscheinlich eine Art von Kasten, der direkt mit dem Gehirn verbunden ist und wie ein Controller funktioniert. Du könntest damit die Noten durch deine Gedanken verändern." Es gibt in Sachen musikalische Neurowissenschaft also noch eine Menge zu tun. Und was ist mit der Geopolitik? „Heute Morgen bin ich mit einem Ohrwurm aufgewacht, den würde ich als neue Hymne für die Vereinigten Staaten vorschlagen: „The Thong Song“. Das ist die Art von Lied, die für mich wirklich nach Hymne klingt. Sie bringt die Leute zusammen, und der Text bewegt die Menschen mehr, als man meinen würde, denn eigentlich geht es darin um Hosenträger! Aber es funktioniert großartig!“

Während Luh die Bühne zum Brennen bringen und auf der Scène du Fort alle Fans, die der aufgelösten Band Wu Lyf nachtrauern, ebenso mit ihrer Musik beglücken wie diejenigen, die das geballte Potenzial von Ex-Frontmann Ellery Roberts und Sängerin Ebony Hoorne zum ersten Mal für sich entdecken, schweben wir auf Wolke sieben:

Wir haben einen Termin bei La Femme. „Ich nehm‘ die Frage nach dem Duo!“, verkündet Clémence Quéllenec. „Mit wem von den Festivalteilnehmern in diesem Jahr ich gerne ein Duett singen würde? Also, Savages stehen auf dem Programm, und ich bin ein Riesenfan der Gruppe. Sängerin Jenny Beth ist ein Vorbild für mich, sie beeindruckt mich zutiefst: Sie hat ein Wahnsinns-Charisma, eine unglaubliche Disziplin und ich liebe ihre Arbeit – das, was sie macht, wühlt mich jedes Mal total auf. Ich weiß nicht, ob ich mich trauen würde, mit ihr Musik zu machen, aber … Ich habe sie mal auf so einer Veranstaltung kennengelernt, die Etienne Daho mit mehreren Künstlern organisiert hat. Sie war auch da, und ich wusste gar nicht genau, was sie so macht und habe mir ihre Musik erst angehört, nachdem wir uns den ganzen Abend super unterhalten hatten. Sie hat mir einen Haufen Tipps gegeben.“  Dann geht alles Schlag auf Schlag, ein Teil der Band gibt ein Radiointerview, der Rest lässt sich auf unser Frage-und-Antwort-Spiel ein: „Ich nehme Frage 2! Wenn ich ein eigenes Instrument erfinden könnte, wäre das eine Mischung aus Stimmband und traditionellem Instrument, also schon irgendwie organisch, aber rhythmusbetont und melodisch zugleich, denn die menschliche Stimme ist das Instrument, das dir die meiste Freiheit lässt. Ich könnte damit auch den Klang regulieren, wie ein Chor, bei dem sich das Timbre der einzelnen Stimmen verändern lässt. Gespielt würde das Ganze ein bisschen so wie das Trautonium, die Tonhöhe ließe sich per Fingerdruck verändern. Es wäre so eine Art organischer Synthesizer, wie in dem Film Existenz.  Ich würde es Samophone nennen, denn mein Name ist Sam. Ich habe schon mit eigenen Instrumenten herumexperimentiert, vielleicht entwickle ich so ein Ding eines Tages ja wirklich.“ Und schon stürzt sich der nächste auf Frage 6: „Als neue englische Nationalhymne könnte ich mir sehr gut den Queen-Song ‚I Want to Break Free‘ vorstellen, denn so könnten sie sich besser bewusst machen, was der Brexit eigentlich bedeutet. Außerdem finde ich, dass sich die Briten ruhig mal ein bisschen locker machen könnten, von daher wäre das ziemlich lustig, gerade diesen Song als Hymne zu haben. Vor allem glaube ich, dass sie durchaus imstande wären, so etwas zu tun! Die meisten Nationalhymnen sind so altmodisch und haben überhaupt nichts mehr mit unserer Gegenwart zu tun, sie sind überflüssig. Es wäre eine gute Idee, wenn man die Hymnen so alle 50 Jahre auswechseln würde, denn sonst kann irgendwann niemand mehr etwas damit anfangen. Es gibt Musikstücke aus jüngerer Zeit, die die Menschen weitaus stärker bewegen und zusammenrücken lassen. Natürlich hast du Recht: Eine Hymne, die die Menschen zugleich vereint und zum zivilen Ungehorsam aufruft, wäre irgendwie widersprüchlich. Aber die moderne Welt ist in sich doch schon ein Widerspruch.“ Anschließend haben wir gefragt, was die Jungs und Mädels werden wollten, als sie klein waren. Die Antwort gibt’s als Foto:

La Femme
La Femme

 

Das Spiel macht mit den richtigen Künstlern und unter den richtigen Bedingungen superviel Spaß – und einer der ganz großen Pluspunkte von La Route du Rock ist, dass hier alle so unheimlich entspannt sind. Das liegt daran, dass hier alle kameradschaftliche Werte hochhalten und gemeinsam den höheren Gewalten trotzen, um gemeinsam für ihr Right to Party zu kämpfen – der Indie Way of Life, wie sie ihn hier nennen. Recht so! Und weiter so! Und ab dafür! Wir verpassen zwar das Konzert von Exploded View, das nach hinten verschoben wurde, aber das ist alles im grünen Bereich – schließlich gibt es ja den Replay. Dafür treffen wir uns jetzt mit den Battles, die uns für ein buchstäblich traumhaftes Stelldichein zu sich in den Backstage-Bereich bitten und sich die schönsten Fragen aus unserem Katalog herauspicken.

Dave Konopka macht den Anfang: „Mein schlimmster Albtraum auf der Bühne sieht ein bisschen so aus wie in dem Film ‚Carrie‘, wo dem Mädchen auf dem Abschlussball, als es gerade auf der Bühne steht, ein Eimer voll Blut über den Kopf geschüttet wird. Der einzige Unterschied ist, dass sich in meinem Albtraum kein Blut über mir ergießt, sondern eimerweise, tonnenweise Schlangen. Das ist wirklich mein schlimmster Albtraum. Ich habe immer wieder solche Angstträume, in einem liege ich zum Beispiel am Strand und werde von riesigen Wellen eines pechschwarzen Meeres verschlungen … Aber ich habe vor allem eine ganz üble Schlangenphobie. Da gibt es in meinem Stadtviertel zwei Typen, die laufen immer mit ihren Schlangen um den Hals herum. Das macht mich wahnsinnig! Jedes Mal, wenn ich mit dem Hund rausgehen will und sie mir über den Weg laufen, kehre ich gleich wieder um, denn ich habe den Eindruck, dass sie mir an jeder Straßenecke begegnen werden und dass dann etwas Schlimmes passiert. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber ich habe absoluten Horror davor. Horror wäre auch, wenn sich die Saiten meiner Gitarre plötzlich in Schlangen verwandeln würden! Ach, du meinst, ich sollte mal mit einem Psychiater darüber reden? Ach, ich bin mir ziemlich sicher, dass er mir sagen würde, dass ich bloß Komplexe habe, weil mein Schniedel so klein ist! (lacht)“ John Stanier dagegen versucht zu bluffen: „Ich nehme diese Frage: Wenn ich einen bestimmten Moment meines Lebens noch einmal erleben dürfte, welcher wäre das? Da kann ich nur antworten: Der Tag, an dem ich das erste Mal bei den Battles gespielt habe. Das war wirklich der glücklichste Moment in meinem ganzen Leben. Kann schon sein, dass das als Antwort zu politisch korrekt rüberkommt, aber es ist völlig aufrichtig und kommt von Herzen! Ich meine das absolut nicht ironisch, wie kommst du darauf? Ich habe mich an diesem Tag durch und durch als Franzose gefühlt. Glücklich, lebensfroh, wie ein richtiger Franzose halt!" Sprach's und kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus, Während Ian Williams sein persönliches Musikinstrument entwirft: „Es würde vermutlich wie ein riesiger Wal klingen. Es wäre so riesig, dass man die Vibrationen schon von weitem spüren könnte, noch bevor die Töne zu hören sind. Es würde auf allen Frequenzen spielen. Wie man es spielen würde? Ich würde sagen, wie eine Trompete.“

Battles
Battles

 

Zeit, um jetzt zur Musik von Suuns ein wenig zu chillen und bei der Bewertung ihres Auftritts genau das richtige Maß an Objektivität walten zu lassen, nämlich null: Wie immer schön und großartig. Da klickt man ganz von selbst aufs Replay. Zum Niederknien ist an diesem zweiten Festivalabend allerdings nur eine Band: die Battles, die bei den Zuschauern jegliches Zeitgefühl zum Erliegen bringen, sodass die Menge bis in die frühen Morgenstunden ihrem hammermäßigen Konzert lauschen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Zumindest für heute. Bis morgen!

Foto © Rod Maurice