Route du Rock Été

ROUTE DU ROCK 2016: TAG 1 – Eine Nacht unterm Sternenzelt

Kevin Morby

Freitag, der 12. Juli 2016 – Zeit für die Sommer-Ausgabe von La Route du Rock. Strahlender Sonnenschein, als wir in Richtung Saint-Malo aufbrechen, und das Wetter soll so bleiben. Einige Festivalbesucher sind dem Ruf in die Bretagne – womöglich traumatisiert von den verregneten Vorjahren – leider nicht gefolgt. Dabei gäbe es für das Schönwetter-Publikum sogar noch Karten. Hier der Bericht vom ersten Festivaltag, bei dem unser Team zugegebenermaßen eine ganze Menge zu lachen hatte.

Mit Kultfotograf Rod Maurice und dessen tonnenschwerer Ausrüstung im Schlepptau bricht das ARTE-Concert-Team in Richtung Fort de Saint-Père auf. Die Aussicht auf ein Festival ohne Schlammschlacht hebt die Stimmung und alle freuen sich auf die Aufzeichnung der Konzerte dieses ersten Festivaltags. Produktionsseitig sind alle Kameras schon am Platz und warten nur darauf, von den Kameraleuten geschultert zu werden. Auch die Zuschauer dürften nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Bevor die Psychic Ills mit ihrem Konzert das Festival eröffnen, schlagen Rod und ich der Band ein kleines Spiel vor: Sie sollen uns verraten, wovon sie als Kinder geträumt haben und sich aus mehreren Fragen eine herauspicken und beantworten. Der Kindheitstraum erweist sich als tiefseetauglich: unter Wasser mit den Fischen schwimmen.

Psychic Ills
Psychic Ills

 

Aus dem Schwarm von Fragen angeln sie sich anschließend die folgende: „Auf welchen Song wir uns heute Abend am meisten freuen? Ich würde sagen „Coca Cola Blues“ – den haben wir bislang noch nie live gespielt, das ist also heute Abend eine Premiere. Wir haben ihn ein paar Mal geprobt, aber nicht so oft. Das Besondere daran ist, dass wir ihn unplugged spielen, denn in unseren Setlists finden sich ansonsten nicht allzu viele akustische Tracks. Wir hoffen, dass er dem Publikum gefällt, aber man weiß vorher nie, wie die Leute reagieren. Das ist schon ein gewisses Risiko, eine Art Testlauf unter realen Bedingungen. Der Song muss jetzt beweisen, dass er auf eigenen Füßen stehen kann.“  (Psychic Ills) Und dann muss die Psychedelic-Rock-Band auch schon auf die Bühne, um sich dort ihrerseits zu beweisen und ihre wahlweise Westküsten- oder Ostküsten-Sounds gegen die Festungsmauern branden zu lassen, während sich die Zuschauerfluten stoßweise über das Festivalgelände ergießen.

Unser nächstes Rendezvous haben Rod und ich mit den Minor Victories, und weiter geht’s mit unseren Spielchen. Es gibt viel zu lachen mit den Mitgliedern dieser Supergroup, die auch Super-Träume zu erzählen weiß.

Minor Victories
Minor Victories

 

Rachel Goswell (Slowdive) hat schon immer davon geträumt, Sängerin zu werden, doch ab und zu mischt sich unter die Träume auch ein Albtraum: „Das Schlimmste wäre, auf der Bühne zu stehen und meine Texte vergessen zu haben, also wirklich alle Texte, und dann dort zu stehen und die Musik zu hören, die gespielt wird und die ich auswendig kenne, aber mit einem völligen Blackout und ohne zu wissen, warum ich dort wäre und was ich jetzt tun müsste. Tatsächlich habe ich diesen Albtraum ziemlich häufig. Im Laufe meiner Karriere ist mir das wirklich nur sehr, sehr selten passiert, ein paar Worte … naja, höchstens mal eine oder zwei Textzeilen vergessen zu haben. Manchmal lege ich mir ein paar Notizen auf den Boden, wenn der Song neu ist oder ich ihn schon lange nicht gesungen habe – oder ganz einfach Angst habe, den Text zu vergessen. Ehrlich gesagt verfolgt mich diese Angst, etwas zu vergessen, auch im Alltag, das betrifft also nicht nur Songtexte.“

Als Kind träumte Stuart Braithwaite (Mogwai) davon, Astronaut zu werden (was sicherlich einiges erklärt). Heute sehen seine Träume ein wenig anders aus: „Wenn ich mein eigenes Instrument erfinden und herstellen könnte, würde das Ganze ein wenig wie eine Harfe aussehen, die ich mit der bloßen Kraft meiner Gedanken spielen könnte, also ohne mich in irgendeiner Weise zu bewegen“, erzählt er uns. Ein Instrument im Zeichen der Faulheit? „Aber nein: Ein Instrument im Zeichen der Inspiration!  Man könnte damit sofort losspielen, einfach nur an eine Note denken und – pling! – geht's los. Das wäre ein großartiger Sound.“ „Ah, ich seh‘ schon“, lacht Rachel, „so etwas wie dein persönliches Orgasmotron!“ Justin Lockey (Editors) wählt eine etwas realitätsbezogenere Frage: „Also, der Song, auf den ich mich heute Abend am meisten freue, ist der letzte auf unserer Setlist, „Out to Sea“ – ein ziemlich lautes und wirklich gutes Stück. Ich mag es nicht deswegen, weil es am Ende der Setlist steht, sondern umgekehrt: Wir haben es an die letzte Stelle gesetzt, weil wir uns das Beste für den Schluss aufheben wollten. Natürlich mag ich die anderen Song auch, aber den hier spiele ich einfach am liebsten – also aus ganz egoistischen Erwägungen.“ Welcher Song uns am besten gefallen hat, können wir gar nicht sagen, aber eins ist sicher: Minor Victories haben ein perfektes Set abgeliefert, bei dem extrem poppige Sounds auf nicht minder extreme Verzerrungen trafen … Das schreit geradezu nach einem Replay!

Als nächsten treffen wir Stuart Braithwaite von Belle & Sebastian hinter der Bühne, und er gibt sich ganz besondere Mühe, auf unsere Kreidetafel zu zeichnen. Der Musiker ist ein echter Patriot, und das nicht erst seit gestern.

Belle & Sebastian
Belle & Sebastian

 

Kein Wunder, dass sich die Frage, die er auswählt, um sein Lieblingsthema dreht – zumindest was die Inbrunst angeht, mit der er darauf antwortet:  „Wenn ich eine neue Nationalhymne für mein rebellisches, unreifes Schottland wählen könnte, wäre das „Blue Boy“ von der Post-Punk-Formation Orange Juice. Ich liebe diese Band und finde, dass dieser Song die Menschen aufrüttelt und inspiriert, und weil er absolut nichts von einer Nationalhymne hat, wäre das eine äußerst überraschende Wahl. Die Idee gefällt mir, das wäre total lustig. Aber vielleicht ziemlich bald auch nicht mehr … Auf jeden Fall wäre es mal was anderes, ein punkiges Liebeslied von einer Gruppe, die ich supergerne mag. Sie waren damals ziemlich radikal, feminin zurecht gemacht und verbreiteten eine total positive Energie. Sie sind so ziemlich die einzige echte Punkband, die es je in Schottland gab. Aber es wäre wohl besser, wenn die Leute nicht wüssten, dass ich diesen Song als Nationalhymne ausgewählt habe, denn wahrscheinlich müsste ich jedes Mal untertauchen, wenn er gespielt wird, weil man mich sonst ausweisen würde.“ Wir können ihn in seinen Ausführungen kaum bremsen, doch angesichts des herannahenden Konzerts müssen wir schließlich doch den vorzeitigen Scotxit ausrufen. Hurry up! Auf der Bühne zeigt sich die Band routiniert aber hemmungslos. Ob das wohl etwas mit den vorhergehenden Geschichten über Punk-Rebellion zu tun hat …?

Kevin Morby
Kevin Morby

 

Kevin Morby ist gerade noch rechtzeitig angereist, nachdem sein Flieger mit 24 Stunden Verspätung losgeflogen ist. Und er nimmt unser Spiel verdammt ernst! Was der Jetlag mit den Menschen nicht alles anstellt … „Ich antworte mal auf die Frage: ‚Was wäre dein schlimmster Albtraum auf der Bühne?’ Für mich wäre das, auf der Bühne kotzen zu müssen! Stell dir mal vor, du willst gerade lossingen, und stattdessen kotzt du voll ins Mikro … Einmal ging’s mir vor einem Auftritt nicht so gut, mir war übel und ich hatte total Angst, mich übergeben zu müssen. Ich bin dann auf die Bühne gegangen, hab mir das Mikro gekrallt und habe mir gesagt, wenn ich für die gesamte Dauer des Konzerts nicht draufschaue, passiert nichts. Ich durfte nur auf gar keinen Fall aufs Mikro schauen, um nicht daran denken zu müssen. Einem befreundeten Gitarristen ist das mal passiert und ich glaube, das ist nicht ganz spurlos an mir vorüber gegangen ... So etwas wäre wirklich superpeinlich! Aber glücklicherweise bin ich bislang von so schrecklichen Zwischenfällen auf der Bühne verschont geblieben. Klopf auf Holz!“ Im Replay kann man sich davon überzeugen, dass die Glückssträhne auch in Saint-Malo angehalten hat – und einen der vielversprechendsten US-amerikanischen Folksänger unserer Zeit von seiner ganz sensiblen Seite kennenlernen. Kaum zu glauben, dass er als Kind einmal Baseballspieler werden wollte … Aber unser nächstes musikalisches Date lässt nicht lange auf sich warten.

Wir schnappen uns Hælos, als sie gerade von der Bühne kommen. Das Trio strotzt geradezu vor Energie und beschließt, uns seine Träume zu zeichnen. Das Ergebnis entzieht sich jeglicher Interpretation, doch es geht darin angeblich um den Zusammenhalt der Gruppe, die Fähigkeit zu fliegen und die Reinkarnation als Daffy Duck.

Haelos
Haelos

Was unser Frage-und-Antwort-Spiel angeht, räumt Lotti Benardout die typischen Ängste ein, die man als Sängerin so hat: „Ich denke mein schlimmster Albtraum wäre, wenn beim Singen kein Ton aus meinem Mund käme, also nicht einmal der geringste Pieps! Man versucht zu singen, doch es passiert nichts, nur Totenstille. Das wäre wirklich Horror!“ Dom Goldsmith hingegen sieht sich im Traum als eine Art Messias: „Wenn mir eine gute Fee den Wunsch erfüllen würde, eine Nationalhymne auszuwählen, würde ich nicht nur die Hymne für ein bestimmtes Land wählen wollen, sondern sie müsste mich schon eine Hymne für die ganze Welt wählen lassen, also eine Welthymne! Ja, wie das, was du gerade singst … (lacht) Genau, es müsste was von Bob Marley sein!!!“ Arthur Delaney dagegen lässt unserer Phantasie freien Lauf: „Wenn ich einen bestimmten Moment meines Lebens noch einmal erleben dürfte, dann wäre es dieser eine Nachmittag auf dem Land in Oxfordshire … Mehr verrate ich nicht …". Trip-hop, Tricks und Cartoons – That’s very British, my dear!

 

Gerne hätten wir unser Spiel auch mit Pantha Du Prince, Gold Panda und Rival Consoles durchexerziert, aber leider werden nicht alle Wünsche wahr, und so begnügen (oder doch vergnügen?) wir uns damit, sie auf der Bühne zu erleben. Während Rod sie aus so ziemlich jedem Blickwinkel fotografiert und wir uns weitere Fotoperspektiven ausdenken, beglücken sie uns unter sternenklarem Himmel bis zum Morgengrauen mit ihrem minimalistischen aber sinnlichen House, mit ihren Impressionen aus dem Land der aufgehenden Sonne oder mit düster und kraftvoll hämmerndem Elektro, bis die Shuttlebusse auch den letzten Festivalgast in die Heia zurückgebracht haben, wo er im Land der Träume dem nächsten Festivaltag entgegenschlummert. Bis morgen!

Foto © Rod Maurice