Route du Rock Hiver

[Report] La Route du Rock – kontrastreich und begeisternd

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Drei Stunden lang hat das musikverrückte Publikum von Saint-Malo durch die Fluten eines düster-radikalen Sounds navigiert, um danach zu den fetzigen Hits von Breton die Hüften zu schwingen. Die Chronik einer Exstase.

 „Ich sehe schon, heute Nacht könnt Ihr euch darauf gefasst machen, dass Eure Laune zwischen Euphorie und Verärgerung hin und her schwanken wird“,  meint augenzwinkernd einer der DJs des Kollektivs Magnetic Friends beim Blick in das Programm. Es ist halb acht. Der zweite Abend der Winterausgabe von La Route du Rock ist komplett ausverkauft. Backstage läuft nervös eine kleine Gestalt auf und ab. Das ist Cate Le Bon. Unterstützt von einer hervorragenden Backing Band wird die zierliche junge Songwriterin aus Cardiff gleich auf der Bühne ihre schöne, bezaubernd simple und makabre Musik zum Besten geben.

Aus ihren Songs klingen überall Einsamkeit und Todesängste heraus, doch die Dreißigjährige kann auch wunderbar hintergründig sein. Dabei ist sie alles andere als nur träumerisch-schüchtern. Ihre Folksongs sind durchzogen von Anklängen an Velvet Underground oder auch speziell an John Cale oder Nico. Aber es bleibt keine Zeit das zu vertiefen, denn schon tritt schnurstracks The KVB aus London auf den Plan. Herauszuhören sind bei dem Duo Sympathien für Joy Division, Cabaret Voltaire oder auch Suicide. Zu den Rhythmen ihres Drumcomputers stürzt sich das Publikum wie ein Mann in die dunkle Nacht. Es folgen die Eagulls mit ihrem in Sex-Pistols-Manier maschinengewehrartig herausgehämmerten Brit-Punk-Rock. Nach 30 Minuten ist das Ganze schon wieder vorüber. Passt gut, denn etwa frische Luft ist jetzt beinahe überlebenswichtig.

Draußen passiert Seltsames. Die jodhaltige Luft scheint das Publikum zu verwandeln – es wird jünger. Ein Trupp Jugendlicher taucht auf. In 20 Minuten soll Breton als Top Act auftreten. Wir nutzen die Zeit bis dahin und gehen mal Backstage bei den Engländern den Puls fühlen. „Wir haben gerade unsere zweites Album gemacht und das ist extrem geil“, meint der Frontmann der Londoner Gruppe, „diese Scheibe ist wie gemacht für solche Auftritte wie diesen hier“. Kann man wohl sagen!

Mit den ersten Klängen von "Got Well Soon" verwandelt Breton die Nouvelle Vague in einen Musikclub im Londoner Osten. Da kommt wieder Farbe in unsere Gesichter. Die Formation hat sich zu einer superstarken präzise funktionierenden Hitmaschine gemausert. Breton hat die Kurve Richtung Pop genommen – zur großen Freude der jungen Leute, die direkt vor der Bühne zu ihrer Musik abtanzen. Es ist halb zwei, als Jackson And His Computer Band seine gigantischen durchsichtigen Maschinen anwirft und seinen modernistischen Elektro-Sound erklingen lässt. Im Saal sind nur noch ein paar seltsame Nachtschwärmer zurückgeblieben, wohl hypnotisiert von den Kompositionen des Androiden mit dem gebleichten Haar. So, nun steht die Zeit still und die Nacht kann beginnen.

 

Foto © Rod M