moers festival 2014

moers festival 2014 – Ein Rückblick auf 43 Festivaljahre

moers festival Plakate

Der Anfang war im Freien – und nicht selten im Regen. Als das erste „Internationale New Jazz Festival“ an Pfingsten 1972 im Schlosshof von Moers stattfand, dachte natürlich noch niemand daran, dass es sich in wenigen Jahren zu einem der wichtigsten europäischen Festivals für zeitgenössische, improvisierte Musik und neue Strömungen im Jazz entwickeln würde. Und die ersten Moers-Pilger, die dem Festival meistens über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte treu blieben, versicherten stets, dass die gelegentlichen Regengüsse der Intensität des Konzerterlebnisses keineswegs schadeten.

Kein Wunder, bestimmten doch schon in den ersten Jahren die nationalen und internationalen Größen des New Jazz ein Programm, das von Festivalgründer Burkard Hennen von da an über dreißig Jahre lang mit sicherem Geschmack und einem erstaunlichen Gespür für die wichtigsten aktuellen Bands und musikalischen Trends in Europa, Amerika und den anderen Kontinenten zusammengestellt wurde. Nicht zufällig sind viele von damals heute noch aktiv und bereichern die großen Festivals: Saxofon-Ikone Peter Brötzmann und Schlagzeug-Feuerwerker Han Bennink beispielsweise, Anthony Braxton, der bis heute den Grenzbereich zwischen Neuer Musik und freier Improvisation stilbildend definiert. Die nach wie vor innovative englische Szene mit Evan Parker, John Surman, Barry Guy (der gerade wieder mit seinem New Orchestra Furore macht) oder Keith und Julie Tippett – man kann nur staunen, wer alles schon in den frühen siebziger und achtziger Jahren in Moers auftrat, und in den folgenden Jahrzehnten auch immer wieder gern zurück kam.

Selbst die Ikonen der US-amerikanischen Avantgarde, selten genug in Europa zu sehen, waren zuverlässig vertreten – von Cecil Taylor, Ornette Coleman und Archie Shepp, über Sam Rivers und Henry Threadgill bis zum Art Ensemble of Chicago.

Moers hatte also nicht nur ein treues, musikbegeistertes Publikum, auch die Musiker waren und sind dem Festival verbunden, auch wenn sie, wie beispielsweise John Zorn oder Fred Frith, noch relativ unbekannt hier auftraten und inzwischen längst zu den ganz Großen der zeitgenössischen, improvisierten Musik gehören.

Das ist wohl nur mit der besonderen Atmosphäre, dem Spirit des Festivals zu erklären, der alle Krisen und Spielstättenwechsel überdauerte, zumal die Ruhrpott-Kleinstadt Moers dem Festival die nötige Unterstützung nicht immer geben konnte oder wollte.

Als Schloss- und Freizeitpark dann doch zu oft unter Wasser standen, entschloss man sich 1983 in die ziemlich ungemütliche Eissporthalle umzuziehen, die bestuhlt wurde, etwa 3000 Leuten Platz bot und nach einigen Maßnahmen sogar eine ordentlich Akustik bekam, besonders wenn sie – wie meistens – gut gefüllt war. Einen Schönheitspreis hätte die schlichte Halle nie gewonnen, aber die Musiker fühlten sich hier wohl, weil sie auch sperrige und innovative Musik einem neugierigen, offenen und verständigen Publikum auf einer großen Bühne präsentieren konnten, das Publikum fühlte sich wohl, weil es spürte, dass es die kreativste und spannendste Gegenwartsmusik aus der ganzen Welt hier zu hören bekam – professionell aber entspannt organisiert und nicht zuletzt durch den beteiligten WDR auch soundtechnisch optimiert.

Moers wurde so an Pfingsten zum europäischen Hot Spot der musikalischen Avantgarde und der improvisierten Musik – unbestritten die kreativste Musik der Gegenwart, man darf sie nach wie vor New Jazz nennen.

Finanziell war es wohl immer ein enervierender Kraftakt und stand oft genug auf der Kippe, nicht zuletzt weil Moers traditionell auch einer der raren Plätze für aufwändige und teure Groß-Formationen des modernen Jazz war: 15- oder gar 20-köpfige All-Star-Ensembles traten hier auf, natürlich weit entfernt von jeder Bigband-Nostalgie. Als 1987 beim nächsten Umzug  die Bühne im größten Zirkuszelt Europas aufgebaut wurde, war sie nicht mehr ganz so weiträumig, es gab aber immer noch ca. 2500 Sitzplätze für ungewohnte Klänge. Die Bänke waren unbequemer und es roch ein wenig nach Elefantendung, aber wer einen der überwältigenden Auftritte dieser Jazz-Orchester vor konzentrierten Zuhörern erlebt hat, kann nur bedauern, dass diese großen Ensembles heute praktisch kaum mehr zu hören sind:  Chris McGregor’s „Brotherhood of Breath“, Trevor Watts Moire Music, das Mike Westbrook Orchestra, das Willem Breuker Kollektief, das Globe Unity Orchestra, das Orchestre National de Jazz oder Peter Brötzmanns Chicago Tentet – die Besten der Besten waren alle da.

Während andere Festivals wie Berlin oder Montreux die Tradition verwalteten oder sich zu einem Pop-Event entwickelten, setzte Moers konsequent auf das Label New Jazz unter breiter und tiefer Einbeziehung der aktuellen Strömungen aus allen Stilen und Ländern, schließlich waren World- und Ethno-Musik für den Jazz schon immer Inspirationsquellen.

Nicht zu vergessen die Nebenreihen und Sonderprojekte, die von Anfang an einen festen Programmplatz hatten und  mit Sound-Experimenten und spontanem Zusammenspiel schon vormittags auf den Tag einstimmten und den guten Ruf des Festivals festigten. Sogar auf der Hauptbühne gab es eigens nur für das Festival zusammengestellte Formationen, die manchmal auch über die rein musikalische Darbietung hinausgingen. Heiner Goebbels mit seiner „Compilation – Materialausgabe“ von 1985 etwa, als über 50 Musiker, Autoren und Komponisten jeweils eine Minute Zeit hatten, etwas zu präsentieren. Unvergessen dabei der Auftritt von Frieder Butzmann, der ans Mikrofon trat und alle aufforderte jetzt mal eine Minute lang die Luft anzuhalten – was die meisten auch prompt taten!

Aber auch Moers musste sich für ein jüngeres Publikum immer weiter öffnen, die African Dance Night wurde schon 1985 eingeführt,  doch für einen puristischen Teil des Publikums war es sicher ein Schock als 1990 plötzlich die „Einstürzenden Neubauten“ einen fulminanten Auftritt hatten, oder 1993 die US-Hip-Hop-Band „The Roots“ das Zelt beben ließen.

Damit war die Festival-Identität zwar noch nicht beschädigt, auch wenn der Begriff „New Jazz“ damit natürlich obsolet geworden war, aber das ganze Festivalgelände mit dem angrenzenden Campingplatz entwickelte sich mehr und mehr zu einem bunten Multi-Kulti-Happening mit unzähligen Verkaufsbuden, auf dem die Nächte durchgefeiert wurden und viele Besucher gar nicht mehr wegen der eigentlichen Konzerte anreisten. Auf die mit dieser „Fun-Kultur-Klientel“ verbundenen Probleme wies der 2005 scheidende künstlerische Leiter und Festival-Gründer Burkhard Hennen deutlich hin und empfahl eine Rückbesinnung auf den Grundgedanken des Festivals – die Präsentation des zeitgenössischen Jazz in all seinen internationalen Spielarten.

Sein Nachfolger Reiner Michalke hat diesen Gedanken aufgegriffen, trotz Budgetkürzungen durch die Stadt gelang dem neuen Festivalleiter eine konsequentere Programmierung – Anthony Braxton war wieder zu hören und 2012 Carla Bley mit dem großartigen Chor-Musikprojekt: „La Leçon Française“.

In diesem Jahr steht nun wieder ein Umzug bevor, zum ersten Mal in seiner Geschichte bekommt das Festival eine eigene, neue Konzerthalle mit – so ist es versprochen – weiter verbesserter Akustik und besseren Sicht- und Sitzverhältnissen. Die neue Halle muss sich erst noch bewähren, das weiß auch Reiner Michalke, aber zumindest das Programm (das vollständig auf ARTE Concert gestreamt werden kann) läßt für alte und neue Moers-Fans eigentlich nichts zu wünschen übrig: Mit Marc Ribot, Fred Frith, Han Bennink oder Arto Lindsay sind viele der guten alten Moers-Wiedergänger zurück, allesamt längst Kultmusiker der internationalen Improvisations-Szene. Sebastian Gramss stellt zum Festival-Auftakt über 50 junge Bassisten auf die Bühne, der kanadische Soundcollagen-Künstler Tim Hecker ist mit dabei und auch große Formationen sind vertreten: Das Orchestre National de Jazz und das Sun Ra Arkestra – mittlerweile von Marshall Allen geleitet, während Sun Ra vielleicht vom Saturn aus zuschaut. Schließlich treten „Mostly Other People Do The Killing“ einmal mehr den Beweis an, dass der Jazz keineswegs frei von (Selbst)Ironie sein muss.

Man kann also sagen, oder darf zumindest hoffen, dass Moers in diesem Jahr wieder zu sich selbst gefunden hat.

 

 

Text: Thomas Neuhauser / Juni 2014