John Cale präsentiert: The Velvet Underground & Nico

John Cale

50 Jahre nach der Einspielung der legendären Scheibe mit der Banane bringt John Cale zum ersten Mal Neuinterpretationen dieser Songs auf die Bühne, deren Vaterschaft Lou Reed fast ausnahmslos für sich beanspruchte.

Mit seinen Musikern und einer Reihe von Gästen, darunter Mark Lanegan, Saul Williams, Pete Doherty und Carl Barât von The Libertines, Avey Tare, Geologist und Panda Bear von Animal Collective, Lou Doillon und Etienne Daho, hat sich John Cale noch einmal das legendäre Album The Velvet Underground & Nico vorgenommen. Doch in die Setlist haben sich auch einige Titel aus der Scheibe White Light / White Heat aus dem Jahr 1968 eingeschlichen.

John Cale : The Velvet Underground & Nico
John Cale and guests: The Velvet Underground & Nico Mitbegründer von The Velvet Underground, John Cale spielt das erste Album der Band in der Pariser Philharmonie John Cale and guests: The Velvet Underground & Nico

 

Schon vor dem Konzert wandeln die Besucher andächtig durch die Philharmonie, hin und weg bei dem Gedanken, gleich diesen großartigen Rock‘n’Roll, den man bald nur noch im Museum zu hören bekommen wird, ein ganz klein bisschen miterleben zu dürfen. Und im Saal summen sie bereits die ersten Töne von Sunday Morning, denn „sie werden es doch hoffentlich in der Originalreihenfolge spielen, oder?“ Doch da kennen sie den Rebellen John Cale schlecht, denn der wartet am Mikro erstmal auf „the man“ - und klaut Lou Reed dabei gleich den Einstieg von Im Waiting For The Man. Damit wäre schon mal eine Rechnung beglichen. Jetzt wissen alle, dass nichts wie erwartet sein wird, denn wie früher läuft es nie. Nur vergessen die Fans das manchmal.

Es folgt die erste Überraschung in der Setlist: White Light / White Heat, versiert und inbrünstig interpretiert von Doherty und Barât. Man glaubt es kaum: Die beiden Freidenker halten sich tatsächlich an die Spielregeln! Danach liefert Mark Lanegan eine verblüffende Pop-Version des Kultsongs All Tomorrow's Parties. Fast originalgetreu dagegen Cales Venus In Furs. Die Fundis schnurren vor Vergnügen. Wir auch!

Etienne Dahos sanftes I'll Be Your Mirror erzählt von einer Zärtlichkeit, die 1966 von der deutschen Sängerin Nico verkörpert wurde. Danach wird es wieder wild mit dem Trio Animal Collective, das There She Goes Again zu einer verblüffenden karibischen Hymne hochtunt. Nun ist das Publikum zu allem bereit und würde sogar eine Disco-Version von „Heroin“ bejubeln, so es denn die Musiker wollten. Doch John Cale hat beschlossen, die Stimmung mit einer langsamen Fassung von Sunday Morning wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Warum bloß? Wohl weil ein John Cale machen kann, was er will. Nun ja.

Doch weiter geht es mit European Son und dem infernalischen Duo Doherty-Barât, das noch nie Probleme damit hatte, die Schallmauer zu durchbrechen. The Libertines lassen uns auch die im Bühnenhintergrund vorbeiziehenden Bilder vergessen, kolorierte 60er-Jahre-Fotos mit pseudo-psychedelischem Effekt. Überflüssig. Lou Doillon polarisiert mit Femme Fatale. Manche finden sie sehr, andere gar nicht fatal. Aber schlimmer wäre es, sie ließe ihr Publikum kalt, oder? Zumindest interpretiert sie den Song, den Velvet Underground auf Wunsch von Andy Warhol dem Fotomodell Edie Sedgwick gewidmet hatte, auf ganz neue Art.

Es folgt The Black Angel's Death Song, gesungen von Mark Lanegan, mit John Cale an der E-Geige. Doherty und Barât stoßen mit Run Run Run dazu, und dann endlich Heroin mit einem faszinierenden Saul Williams. Am Schluss stehen sie alle mit Sister Ray, dem letzten Song aus White Light / White Heat, noch einmal auf der Bühne und singen von Gewalt und Drogen. Das passende Finale für diese einzigartigen All-Stars!

Foto © Rémy Grandroques