Jazz à la Villette

James Carter, ein unerschöpfliches Bühnentier?

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Von kubanischem Minimalismus bis zum überschwänglichen Elan eines John Coltrane war am 6. September alles zu hören: Nach einer brillanten und eindringlichen Hommage des Pianisten Omar Sosa an Kind of Blue von Miles Davis, versetzte der virtuose James Carter das Publikum von Jazz à la Villette in tiefe Verblüffung.

James Carter, ein unerschöpfliches Bühnentier? Nach zweieinhalb Stunden überbordender Virtuosität nonstop fragt man sich, woher der Mann seine Energie nimmt. Der Saxophonist aus Detroit war mit einer Hommage an John Coltrane und dessen Album Giant Steps zu diesem Festivalwochenende angetreten, das ganz im Zeichen des Jahres 1959 und seiner großen Plattenerfolge stand. Sein Auftrag: alle Titel dieses legendären Albums zu spielen und ihnen andere, von dem genialen Künstler inspirierte Stücke gegenüber zu stellen. Vom Blues Mr. P.C. bis zur Ballade Naima über die tückischen Akkorde von Giant Steps, dem Titelsong des Albums. 

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Inmitten eines funkensprühenden Rhythmus-Feuerwerks (Gerard Gibbs an der Hammond-Orgel und Leonard King am Schlagzeug), betritt Carter im schwarzen 80er-Jahre-Anzug mit übergroßen Schulterpolstern und knielangem Blazer die Bühne. Den zwei Saxophonen und der Flöte steht auf der Bühne einiges bevor. Anstatt eines Abklatschs von Giant Steps präsentiert James Carter eigenwillige, energiegeladene Neuinterpretationen. Coltranes ohnehin dichte und schnelle Kompositionen werden bei Carter so rasant, dass der Künstler trotz seiner imposanten Figur davonzuschweben scheint – als sei er in Trance und nur körperlich präsent, während sein Geiste musikalische Parallelwelten erforscht — von den schrillsten Tonlagen bis hin zum absoluten „Noise“. Ihm zu folgen, ist nicht immer leicht: das wird bei seiner völlig abgehobenen Version von Countdown (im Duo, Saxophon und Schlagzeug) klar. Schweißgebadet, aber strahlend, wendet sich James Carter am Ende seines Auftritts ans Publikum. Wenn er noch spielen könnte, würde er weitermachen. Doch man soll bekanntlich aufhören, wenn es am Schönsten ist.

 

© Foto Francis Vernhet