Rheingau Musik Festival 2015

Interview mit Andrés Orozco-Estrada, Chefdirigent des hr-Sinfonieorchester

Andres Orozco-Estrada

Der neue Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters, Andrés Orozco-Estrada, spricht über sein Programm beim Rheingau Musik Festival und über die Anforderungen bei der Programmwahl für das Open Air Konzert in an diesem Mittwoch in Frankfurt. 

Wie sehen Sie sich in der Rolle als neuer Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters? Einer Ihrer Vorgänger, Hugh Wolff, sagte, er empfinde sich als Cheerleader, Verkehrsschupo, Psychiater und Visionär.

Das in ein paar Worten zu beschreiben, ist schwierig. Eine intensive Verbindung zu den Musikern und gegenseitiger Respekt sind mir sehr wichtig. Ich selbst benötige - wie jede andere Führungsperson - klare Ziele und klare Ideen. Einander zuzuhören ist entscheidend, um Ergebnisse zu verbessern und das Beste herauszuholen. Ansonsten ähnelt die Beziehung zwischen Dirigent und Orchester jeder menschlichen Beziehung. Ich freue mich auf jeden Fall, dass ich so eine schöne Aufgabe habe.

Was werden Sie anders machen als Ihre Vorgänger?

Mir geht es nicht darum, etwas anders zu machen. Mein Ziel ist es, Musik gemeinsam so gut wie möglich zu gestalten. Da jeder Mensch, jeder Dirigent anders ist und einen anderen Charakter hat, ergibt sich eine andere Art des Musizierens. Das macht Konzerte so spannend.

Bei Ihrem Konzert mit dem hr-Sinfonieorchester beim Rheingau Musik Festival haben Sie Werke von Richard Strauss, Richard Wagner und Felix Mendelssohn interpretiert. Weshalb haben Sie die Werke gerade dieser Komponisten ausgesucht? Welche Verbindungen, welche Unterschiede gibt es?

Zunächst finde ich es unglaublich gut, dass ARTE Concert die Konzerte über Streaming jeden zur Verfügung stellt! Jeder, der eine Aufführung verpasst hat, hat jetzt die Chance uns zu jeder Zeit zu hören und zu sehen. Zum Programm: Ausgangspunkt für unser Konzertprogramm war der 450. Geburtstag von Shakespeare. Mit "Macbeth" stand die erste Tondichtung von Richard Strauss auf dem Programm, sie ist nur selten zu hören. In diesem Stück zeigt Strauss vor allem die Emotionen der beiden Hauptfiguren des Dramas, ihre Liebe und Tragödie. Mit den Auszügen aus "Tristan und Isolde" von Richard Wagner stellten wir dem Eingangswerk eines der intensivsten musikalischen Liebesbilder an die Seite. Mendelssohns "Walpurgisnacht" schließlich brachte neben der Dramatik noch einen religiösen Aspekt in den Konzertabend, passend zu den Räumlichkeiten von Kloster Eberbach. Gleichzeitig begeben wir uns mit Mendelssohn in die Frühromantik, denn es ist mir in meinen Programmen wichtig, auch stilistische Entwicklungen innerhalb der Musikgeschichte aufzuzeigen.

Richard Strauss war der Sohn eines Hornisten an der Hofkapelle in München und später selbst Dirigent. Was meinen Sie: hat Strauss auch aus der Sicht des Dirigenten komponiert?

Ich bin überzeugt davon, dass genau die Summe seiner Erfahrungen Richard Strauss als Komponisten so reich und großartig gemacht haben, denn ihm waren viele unterschiedliche Facetten des Musikmachens vertraut. Da sein Vater Hornist war, wusste er, wie ein Orchester von innen funktioniert. Als Dirigent lernte er die Perspektive vom Dirigentenpult aus kennen. Natürlich beobachtete er auch aufmerksam, wie die Außenwelt auf neue Werke reagiert. Und als Schöpfer entwickelte er darauf aufbauend seine ganz eigenen, eigenwilligen Ideen. Die erfolgreichsten Komponisten sind für mich solche, die viele unterschiedliche Facetten ausspielen, die zum Beispiel selbst musizieren oder dirigieren. Trockenes Komponieren am Schreibtisch bringt nicht immer die besten Ergebnisse.

Richard Strauss komponierte seine erste Tondichtung ‚Macbeth’ mit Anfang Zwanzig. Was genau meint die Gattung „Tondichtung“, so wie Strauss sie verwendete? Und welche Rolle spielt in dem Werk tatsächlich das Drama Shakespeares?

Die Tondichtungen von Richard Strauss sind für mich absolute Höhepunkte der Programmmusik. In einem Brief nannte Richard Strauss "Macbeth" als "eine Art symphonische Dichtung, aber nicht nach Liszt". Er orientierte sich zwar an Franz Liszts Symphonischen Dichtungen, beschritt aber, wie er selbst sagte, kompositorisch völlig neue Pfade. "Macbeth" schrieb er als junger Kapellmeister unmittelbar vor "Don Juan" und "Tod und Verklärung". Es ist also seine erste "Dichtung in Tönen". Dabei schildert Strauss bei "Macbeth" - anders als bei "Don Juan" oder "Till Eulenspiegel" - nicht Episoden aus dem Drama Shakespeares, sondern gestaltet mit musikalischen Mitteln ein Psychogramm der beiden Protagonisten. Die poetische Idee des Shakespear'schen Dramas ist seine Inspirationsquelle. Wie sehr Richard Strauss übrigens selbst mit dieser neuen Form rang, zeigt, dass er kein anderes Werk gründlicher und häufiger überarbeitete als "Macbeth".

„Wenn ich nur einmal den verfluchten Wohlklang ausrotten könnte“, schreibt der junge Strauss nach der Premiere des ‚Macbeth’. In seinen Opern ‚Elektra’ und ‚Salome’ löste er das ein. Doch die Lieder, die er Ende seines Lebens schrieb, sind tonal und melodisch wunderschön…. Wie erklären Sie sich das?

Jeder Mensch geht seinen ganz eigenen Weg. Typisch für Richard Strauss war, dass er sich sein ganzes Komponisten-Leben lang zwischen den Polen Avantgarde - Konvention und Extreme - Schönklang bewegte. Es ging bei ihm immer hin und her, und großartige neue Musik entstand ebenso wie tonale Musik. Nach meiner Einschätzung komponierte er ganz bewusst am Ende seines Lebens mit seinen "Vier letzten Liedern" einen "Nachklang des Lebens" - eine Versöhnung mit seinem inneren Kampf.

Stichwort Richard Wagner und sein „Vorspiel und Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“, das Sie ebenfalls interpretiert haben. Ganz am Anfang steht der berühmt-berüchtigte „Tristan-Akkord“, von denen viele meinen, er sei der Wendepunkt für etwas fundamental Neues in der Musikgeschichte. Was ist musikalischer Fortschritt für Sie?

Das ist ein Thema, über das sich lange diskutieren ließe. Nur ein kleiner Gedanke hierzu: Komponieren und Musizieren stehen immer in Verbindung mit Menschen und der Gegenwart. Der Mensch ist in der Regel nicht mit seiner Gegenwart zufrieden, sondern strebt an, Fortschritte zu machen: besser leben, gesünder leben, schneller ans Ziel kommen und so weiter. Für mich bedeutet Musik machen immer, die Gegenwart zu reflektieren. Somit bedeutet musikalischer Fortschritt für mich, wenn es gelingt, den Wandel der Zeit zu reflektieren und zur jeweiligen Gegenwart eine künstlerische Verbindung herzustellen.

Mendelssohns „Walpurgisnacht“ stand ebenfalls auf dem Programm…

Mich fasziniert, wenn es Komponisten gelingt, so einen Stoff in Musik zu verwandeln. Wie diese Welten entstehen, grenzt für mich immer wieder an ein Wunder, vor allem wenn es so genial ist wie bei Mendelssohns "Walpurgisnacht". Mendelssohn und sein Schaffen reizen und begleiten mich schon seit langem - "einer meiner besten Freunde" unter den Komponisten quasi. Deshalb war es mir ein Anliegen, bei meiner Premiere im Rheingau mit meinem neuen Orchester auch diesen Freund einzuladen und diese Freundschaft mit unserem Publikum zu teilen. Insgesamt schätze ich an Mendelssohn, wie er die Tonsprache weiterentwickelt hat. Es gibt auch klare Verbindungen zu Wagner und zu Strauss, weshalb ich im Kloster Eberbach diese drei Komponisten miteinander kombiniert habe. Auch gibt es im Konzertprogramm inhaltliche Bezüge und Kontraste um die Themen Liebe, Tod, Befreiung. Außerdem liebe ich generell Chorsinfonik und Vokalmusik mit all ihren Facetten. Mendelssohns viel zu selten aufgeführte "Walpurgisnacht" brachte schließlich noch den religiösen Aspekt in den Konzertabend, wie geschaffen für das Ambiente der Klosterkirche. Und da die "Walpurgisnacht" auf einer Goethe-Ballade beruht, bot es sich für ein Orchester der Goethestadt Frankfurt umso mehr an, sich mit dieser Musik und diesem Text auseinanderzusetzen.

Beim Open-Air-Konzert mit dem hr-Sinfonieorchester werden Sie hauptsächlich Werke von Ravel spielen. Was muss man berücksichtigen beim Repertoire, wenn man „open air“ auftritt?

Bei der Programmplanung muss man immer die akustischen Gegebenheiten berücksichtigen. Wie klingt der Saal? Ist das ein Werk, das im Freien gut funktioniert? Noch wichtiger ist die Frage: Wer wird das Konzert hören? Unser Open-Air-Konzert mit dem hr-Sinfonieorchester ist das erste Konzert im Metzlerpark überhaupt. Deshalb haben wir ein Programm auf die Beine gestellt, bei dem die Menschen eine sofortige Nähe, ein Wohlbefinden spüren. Trotzdem wollten wir nicht nur herkömmliche Stücke spielen, sondern Stücke, in denen etwas passiert. Ravel ist relativ populär, aber wenn man dann La Valse hört, merkt man, dass es kein herkömmlicher Walzer ist, sondern ein anspruchsvolles Stück. Und ich merke immer wieder, dass Menschen auch beim Musikhören Neues erleben und herausgefordert werden möchten.

Neben La valse und Tzigane interpretieren Sie auch Ravels populären Boléro. Ravel sprach nüchtern von einem „einförmigen Tanz“, der bei jeder Wiederholung lauter wird. Wie würden Sie das Werk beschreiben?

Wenn man unter formalem Aspekt die Konzeption von Ravels Boléro betrachtet, könnte man ihn für ein einfaches Stück halten. Doch der Schein trügt, denn bei genauem Zuhören offenbart sich einem ein unglaublicher Reichtum an Klängen, genialen Farbschöpfungen, Feinheiten. Ein Meisterwerk an Orchestrierung, das Ravel sicherlich nicht in einer halben Stunde aus dem Handgelenk geschüttelt hat. Denn es gelingt ihm, durch Wiederholungen und bei gleichbleibender Melodie, unglaubliche Spannung zu schaffen und jeden in Bann zu ziehen, ohne das Langeweile entsteht. Das hat etwas Wahnsinniges.

Wozu auch die Anekdote passt, nach der eine Besucherin der Premiere „Ein Verrückter, ein Verrückter!“ ausgerufen haben soll, woraufhin Ravel meinte, sie sei die einzige, die das Stück verstanden hätte… 

…Ja genau! 

Herr Orozco-Estrada, wir danken Ihnen sehr für das Gespräch.