Les Inrocks Festival

INROCKS FESTIVAL: Tag #02 : Ohrenschmaus aus dem Commonwealth

Les Inrocks Festival

Zweiter Tag in La Cigale auf dem INROCKS FESTIVAL. Das heutige Publikum wirkt viel lockerer. Liegt das am Programm oder daran, dass es im Konzertsaal nicht so voll ist wie gestern? Jedenfalls erwarten uns mit den Künstlern aus England und Australien wieder jede Menge gute Laune und musikalische Highlights: Let’s Eat Grandma, RatBoy, Lost Under Heaven und Jagwar Ma.

Heute könnte die Fahne des Commonwealth über dem Pariser Konzerthaus La Cigale wehen, denn fast alle angekündigten Künstler stammen aus der anglophonen Staatengemeinschaft. Aber jeder geht anders mit seiner Muttersprache um. Let’s Eat Grandma spielen mit doppelbödigen Liedchen, RatBoy stellt die Sprache auf den Kopf und zwingt ihr Updates auf, Lost Under Heaven haut sie in Botschaften raus, und Jagwar Ma packt seine Sätze in Endlosschleifen. Die englische Sprache im Dauerausnahmezustand. Hinter den Kulissen ist die Atmosphäre etwas cooler als am Vortag. Der Stabwechsel zwischen den Teams läuft störungsfrei. Wir würden nicht so weit gehen zu sagen, dass es ruhig zugeht, aber dass alles reibungslos läuft und das Festival ein voller Erfolg ist. Trotz geschäftiger Betriebsamkeit bleibt immer Zeit für eine freundschaftliche Geste oder ein aufmunterndes Wort. Das oft zu hörende „ça va?“ verkommt nicht zur Floskel, sondern ist eine an Bekannte wie Fremde gerichtete ernstgemeinte Nachfrage. Gemeinschaft, die sich von selbst versteht.

 

Gegen 16.30 Uhr erwartet uns in der Loge von RATBOY ein nettes Chaos: Der schräge Brite hat eben mit einer amüsierten Journalisten geschäkert und zeigt jetzt einem interessierten Regisseur, was er als Skateboarder draufhat. Mühsames Interview, die Bandmitglieder sind völlig überdreht. Aber für ein Porträt ist das perfekt. Und gegen ihren Kommentar zum Thema „unbestechlich sein“ ist nichts zu sagen. „Benutz deinen eigenen Kopf zum Denken!“ steht auf unserem Schnappschuss von ihnen. Ratboy scheint Hummeln im Hintern zu haben. Die Gruppe hüpft durch die Gegend, als habe sie Sprungfedern unter den Füßen. So wollen sie das ganze Publikum zum „Jumpen“ bringen, „sonst ist die Show verratzt“. Und es funktioniert. Auf der Bühne rocken ganze Kerle den Saal, frech wie Oskar, aber mit dem Schliff britischer Erziehung. Von einem Fan stehlen sie sich einen Kuss mit, und ihre gesamten Wasservorräte leeren sie über die ersten Reihen im Publikum aus (der Bandmanager darf den Begossenen anschließend Handtücher zuwerfen). Man hat uns aber auch erzählt, dass die Bandmitglieder sich entschuldigt haben, nachdem ihnen in der Kantine in Anwesenheit eines Kindes ein Fluch rausgerutscht war. Festivalmanager Jean-Daniel Beauvallet würde sie sicher als süße Punks bezeichnen.

Rat Boy
Polaroïd Ratboy © Rod MAURICE

 

LET’S EAT GRANDMA sind zwei Freundinnen aus Kindertagen, die im zarten Alter von 17 Jahren Musikfans aller Richtungen und Altersstufen in helle Aufregung versetzen. Wenn man sie sieht, ist man erstmal erstaunt, wie tiefenentspannt sie wirken. Eigentlich stellt sich so eine Coolness doch erst ein, wenn man unzählige Touren und Bühnenauftritte auf dem Buckel hat. Wahrscheinlich stellt ihre Beziehung eine Art schützenden Kokon dar, der sie vor zu viel Bühnenangst bewahrt. Stimmt nur bedingt, vertrauen sie uns an, denn sie haben tierisches Lampenfieber, aber das kommt erfahrungsgemäß erst ungefähr eine halbe Stunde vor dem Auftritt. Dabei haben sie mehr Angst davor, ein Gerät könnte den Geist aufgeben oder ein Instrument den Abgang machen, als davor, ihr Körper oder ihre Stimme könnten den Dienst versagen. Sie scheinen in sich zu ruhen und zu wissen, wohin sie gehen und was sie erwartet, sie strahlen Entschlossenheit aus. Der Eindruck verfestigt sich bei dem Live-Auftritt, den sie kurze Zeit später hinlegen. Wir hören keine Kommentare nach dem Motto: „Echt gut, die beiden, aber noch ein bisschen grün hinter den Ohren“, und wir können versichern, dass man sowas hier öfter zu hören kriegt. Und was heißt es für das Duo, „unbestechlich“ zu sein? „Bewusst“ schreibt sie auf ihr Polaroid.

Let's Eat Grandma
Polaroïd Let's eat grandma © Rod MAURICE

 

Mit LOST UNDER HEAVEN fühlen wir uns ein bisschen wie lost in translation: Unser Tag mit dem holländisch-britischen Duo ist eine Abfolge verpasster Treffen und dringender Termine, die keine Zeit für ein Interview lassen, uns aber die Gelegenheit geben, sie in den verschiedensten Situationen zu beobachten. Und wen der Auftritt des Duos, das vor und hinter der Bühne ein Paar ist, nicht überzeugt, dem sei gesagt, dass die beiden Backstage auf jeden Fall ein schönes Bild abgeben. Ein Kopf lässig an die Wand gelehnt, die Schulter vorgebeugt, um den Verstärker anzuschließen, eine konzentrierte Atempause mit geschlossenen Augen ganz nah am Bühnenrand, Dehnübungen, ein Knacken im Rücken, Stimme und Hände, die sich lösen, Blicke, die sich suchen und sich sicher finden, ein Paar, das im Takt des näher rückenden Auftritts zum Duo wird, und das Konzert kann beginnen.

Lost Under Heaven aux Inrocks Festival 2016
Lost Under Heaven beim Les Inrocks Festival 2016 WU LYF gehören definitiv der Vergangenheit an, die Zukunft gehört LUH! Lost Under Heaven beim Les Inrocks Festival 2016
Foto © Rémy Grandroques

 

Als JAGWAR MA die Bühne betritt, sind die Erwartungen an das Elektro-Rock-Trio bereits so hochgeschraubt, dass das Publikum kurz davor ist, abzuheben. Es soll nochmal richtig abgehen, und das hängt von unzähligen Details ab, haben uns die Musiker ein paar Stunden zuvor in einem benachbarten Café erklärt: vom Raum und seiner Akustik, vom Wetter, von der Laune des Publikums, auch von der Menge Alkohol, die bereits geflossen ist; davon, wie die vorherigen Auftritte gelaufen sind, ein bisschen vom Zufall natürlich, von der technischen Ausstattung, der Tagesform der Musiker und von anderen Parametern, die man vielleicht erst gar nicht auf dem Schirm hat. Nach unserem Gespräch wussten wir nicht so recht, was uns jetzt erwarten würde. Nach dem Konzert – und ehrlich gesagt war das Trio schon mal besser in Form – stehen wir ein bisschen neben uns, wie so oft bei Musik mit endlosen Soundschleifen. Auch die expliziten Hüftschwünge des Sängers haben uns ein wenig irritiert; er hatte uns doch versichert, für Sexuelles sei auf der Bühne kein Platz. Das geht uns noch eine Weile durch unseren etwas mitgenommenen Kopf, als wir den Boulevard entlangschlendern. Doch in Gedanken sind wir schon beim nächsten Tag und gespannt auf die Gespräche und Auftritte, die uns erwarten. Auf dem Programm stehen Adam Naas, Cassius und Formation. Wir werden über alles berichten, versprochen!

Jagwar Ma aux Inrocks Festival 2016
Jagwar Ma beim Les Inrocks Festival 2016 Ihr vor Ideen sprühendes Album Howlin versetzte die Blogsphäre 2013 in ekstatischen Jubel. Jagwar Ma beim Les Inrocks Festival 2016
Foto © Rémy Grandroques