Les Inrocks Festival

INROCKS FESTIVAL: TAG #01: Die neue Generation des französischen Pop

15128781_10211256041462562_1191957717_n.jpg

An diesem Wochenende feiert das Musikmagazin Les Inrockuptibles auf den Konzertbühnen in Paris und ganz Frankreich seinen 30. Geburtstag. Wir positionieren unsere Kameras im Pariser Konzerthaus La Cigale, das schlappe 100 Jahre älter ist als das Festival Les Inrocks. Heute steht die neue Generation des Pop made in France auf dem Programm.

Nach unserer Ankunft gehen wir direkt in die an den Konzertsaal angrenzende Bar la Fourmi, wo sich die Steuerzentrale des Festivals befindet. Hier hat France Inter sein Studio für die Direktübertragung eingerichtet, hier drängt man sich in der Regie, um die Konzerte für die Live-Übertragung aufzunehmen, trifft auf große Labels, Presseattachés, Journalisten und Fotografen und auf Festivalproduzenten, die ihre Künstler unterstützen oder neue Talente entdecken; und hier diskutieren Festivalteilnehmer zwischen zwei Auftritten in lockerer, feuchtfröhlicher Atmosphäre. In diesem Jahr jährt sich das Inrocks-Festival zum 29. Mal, und auf dem Programm stehen hauptsächlich Neuentdeckungen: Die Mehrzahl der Künstler, die hier auftreten, hat noch kein Album herausgebracht, und das Publikum erlebt sie heute erstmals auf der Bühne. Hier und dort hört man, die Künstler würden von einem „für Paris erstaunlich herzlichen“ Publikum freundlich und mit offenen Armen empfangen.

 

Die erste, die es mit Bühne und Publikum aufnimmt, ist die schon sehnsüchtig erwartete Juliette Armanet. Seit Monaten kursieren die wildesten Gerüchte über die Künstlerin und ihre Musik: Sie sei eine Véronique Sanson auf Speed, ihre Kompositionen ließen an eine Auferstehung des französischen Musikers Michel Berger im 21. Jhdt. glauben, aber sie sei natürlich noch viel mehr, ihre Musik sprühe vor Humor, und sie liebe es, mit ihrem Publikum zu spielen wie manche mit der Liebe; sie habe einen neuen französischen Pop hervorgebracht, voller Leichtigkeit und Anmut, mit einer Prise Humor. Nach ihrem rundum gelungenen Auftritt kann man all dem nur zustimmen. In nur dreißig Minuten hat Juliette es geschafft, das Publikum restlos von sich zu überzeugen! Die Künstlerin sitzt an ihrem übergroßen Klavier, das ein befreundeter Kunstschreiner für sie entworfen hat. Begleitet wird sie von Musikern, die man bereits von anderen Projekten kennt, beispielsweise Ricky Hollywood (La Féline) am Schlagzeug. Mit viel Sinn für Humor singt Juliette in ihren Liedern von der Liebe, die auch über sich selber lachen kann. Nach ihrem Auftritt kommt sie unserer Bitte nach und schreibt auf ihr Foto, was „unbestechlich sein“ für sie bedeutet. „Weder Gott noch Meister haben“ steht unter den Schnappschuss.

Juliette Armanet @ Les Inrocks Festival
Polaroïd Juliette Armanet @ Rod MAURICE
Juliette Armanet aux Inrocks Festival 2016
Juliette Armanet beim Les Inrocks Festival 2016 Die Botschaft von Juliette Armanet ist eindeutig: Lieber allein sein als in schlechter Gesellschaft. Juliette Armanet beim Les Inrocks Festival 2016
Foto © Rémy Grandroques

 

Zeit für Her! Wir sehen es den Engländern nach, dass sie die Jungs aus Rennes vor uns entdeckt haben und sind bereit, dem ihnen vorauseilenden Ruf nachzuspüren. Angeblich sollen sie einem neuen Dandytum frönen und so aussehen, als kämen sie aus einer futuristischen Belle-Epoque oder zumindest aus dem New Orleans der Prohibition. Uns würde es auch nicht wundern, wenn sie direkt aus der Vergnügungsstadt Las Vegas eingeflogen wären. Ihr Elektrosoul soll der Perfektion verdammt nahe kommen. Könnte man so sagen. Aber erst als wir einige Minuten mit ihnen verbringen, um einen Schnappschuss von ihnen zu machen, lernen wir sie richtig kennen: Auf die Frage, wie sie „unbestechlich sein“ definieren würden, antworten sie mit einem Filmtitel: „Der erste Ritter“. Sean Connery spielt in dem Abenteuerfilm König Arthur und Richard Gere Ritter Lancelot. Hier kommt ihr Foto:

Her @ Les Inrocks Festival
Polaroïd Her @ Rod MAURICE
Her aux Inrocks Festival 2016
Her beim Les Inrocks Festival 2016 Was wäre, wenn die Zukunft der französischen Musik auf Englisch geschrieben würde?  Her beim Les Inrocks Festival 2016
Foto © Rémy Grandroques

 

Nach einem kurzen Abstecher hinter die Kulissen, wo die Bühne innerhalb von 10 Minuten umgebaut werden muss, zeigen uns perfekt eingespielte Teams, wie es aussieht, wenn etwas wie am Schnürchen läuft. Wir werden mitgerissen von der Energie, die das emsige Treiben hinter dem roten Vorhang zwischen Kabeln und Metallkonstruktionen versprüht. Nur noch wenige Minuten bis zum versprochenen Paradi(e)s: Das Elektropop-Duo aus Paris wurde mit einer Coverversion des Songs „La Ballade de Jim“ von Alain Souchon bekannt. Heute also ihr erstes Konzert in der französischen Hauptstadt – für viele Künstler ein beeindruckendes Ereignis. Auf der Bühne gibt es ein Wiedersehen mit Victor Le Masne (Housse de Racket), der sich am Schlagzeug austobt. Und man versteht besser, was Simon Mény und Pierre Rousseau meinten, als sie nach ihrem Soundcheck mit uns ins Gespräch kamen: die ängstliche Unruhe, die sie nicht zu verbergen suchen, die Verletzlichkeit direkt vor dem Auftritt und das wiedergefundene Gleichgewicht, sobald sich alles gut eingespielt hat und das Konzert läuft. Lampenfieber eben. Rampensäue sind sie wirklich nicht. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn die Ausdruckskraft ihrer Musik trägt das Publikum bis in ätherische Elektro-Pop-Sphären.

Paradis @ Les Inrocks Festival
Paradis @ Les Inrocks Festival Das Elektro-Duo Paradis macht eine gekonnte Mischung aus französischer Unterhaltungsmusik und Deep House. Paradis @ Les Inrocks Festival
Foto © Rémy Grandroques

 

Der Scoop des Tages ist der neue Lescop. Dass er Talent hat, stellt der Coldwaver seit zehn Jahren auf zahlreichen Bühnen und in verschiedenen Projekten, an denen er mitgearbeitet hat, unter Beweis. Aber was für eine Ausdruckskraft er in seiner Bühnenpräsenz entfalten kann, ermessen wir erst heute. Sein befreites Lächeln am Ende des Auftritts verrät, dass die ganze Anspannung, die seinen Körper komplett in Schach gehalten hatte, von ihm abgefallen ist, und wie sehr er seine Show genossen hat. Gemeinsam mit exzellenten Musikern hat er eine perfekte Performance abgeliefert, man kann es nicht anders sagen. So paradox das auch klingt: Lescop versteht es, sich auf beherrschte Weise gehen zu lassen. In weniger als einer Stunde (Die Zeit vergeht zu schnell, wenn man sie vergisst) ist der verloren geglaubte Sohn als Wunderknabe zurückgekehrt. Als sich zu hypnotischen Basslinien die bedrohliche Kulisse seines düsterromantischen Stücks La Forêt  vor uns aufbaut, läuft es uns eiskalt den Rücken herunter. Lescop ist tatsächlich erschreckend beeindruckend, oder haben wir das zu Beginn nur übersehen? Nicht zu übersehen sind sein (raub-)tierisches Aussehen und sein stechender Blick! Roar!

Lescop aux Inrocks Festival 2016
Lescop beim Les Inrocks Festival 2016 2011 erlag ganz Frankreich dem düsteren Charme von Lescop.  Lescop beim Les Inrocks Festival 2016
Foto © Rémy Grandroques

Morgen geht’s weiter mit Jagwar Ma, Let’s Eat Grandma, RatBoy und Lost Under Heaven!