Route du Rock Été

Dritter Tag – Die letzten Etappen der Route du Rock

livestories Route du Rock

Saint-Malo hat 50 000 Einwohner und birgt so manche Überraschung. Diese Stadt hat Potenzial! Wer zur Festivalzeit in einem Vorort übernachtet, spürt dort die angenehme Ruhe einer typischen Eigenheimsiedlung. Doch die Stadt hat zwei Gesichter: Jeden Sommer fallen hier eine Million Touristen ein; zur Segelregatta „Route du Rhum“, die alle vier Jahre von der bretonischen Küste nach Guadeloupe führt, sind es sogar doppelt so viele. Unsere Route, nämlich die des Rocks, ging gestern nach den letzten Etappen im kalten Schweiß einer kurzen Nacht zu Ende.

Unser persönlicher Höhepunkt war ganz sicher das Konzert von The Juan MacLean. Die sparks- und discohafteste Gruppe von DFA begann leicht verspätet um etwa zwei Uhr morgens, denn Dan Deacon (Wichtigtuer!) wollte einfach nicht von der Bühne runter. Doch MacLean kennt die Zauberformel des Moroder-Rocks und spielte hier den größten Trumpf aus, den die Discomusik gegenüber puren Elektrogenres zu bieten hat: Man lächelt beim Tanzen. Natürlich rempelt man sich an, tritt einander auf die Füße; und als zwischen zwei sehr gebietsbewussten Alphatänzern fast ein Scharmützel entsteht, springt eine aufmerksame Badenixe mit  ein, zwei rettenden Schritten zwischen die Streithähne und beendet die Rauferei so schnell, wie sie begonnen hat. Genau das ist die Macht der Discomusik – und der betörenden Besetzung des Quartetts mit einer Laserharfe, einem Doppelgänger von John Goodman-Walter hinter dem halbelektronisches Schlagzeug und Nancy Whang, atemberaubend unter ihrer ausladenden Perücke. Vor diesen Kindern von Donna Summer spielte also Dan Deacon. Und davor sah die Route du Rock noch ganz anders aus.

Die erste Etappe im Fort Saint-Père begann ganz unglamourös: Tagsüber, wenn der Park noch geschlossen ist, treffen flinke Hände hier die Vorbereitungen für die abendlichen Konzerte. Und alles ehrenamtlich! 23 000 Tickets gingen dieses Jahr über den Ladentisch, 12 000 davon für Samstagabend. Letztes Jahr tranken die Feiernden ganze 22 000 Liter Bier (und dazu kommen noch die anderen Getränke – man stelle sich vor!). Organisiert und überwacht wird das Ganze von rund 600 Freiwilligen, die nach dem gestrigen Ansturm schon etwas mitgenommen sind.

Mevenig, Leiter des Freiwilligenteams: Wir kommen mehrere Stunden vorher und sind sehr spät fertig. Aber wir werden versorgt, bekommen Essen und einen Standplatz für unser Zelt. Vor dem Festival gibt es sogar einen Willkommensabend, auch wenn man natürlich nicht jeden kennenlernen kann.

ARTE Concert: Kommen die ehrenamtlichen Helfer oft in Gruppen?

Mevenig: Auf jeden Fall! Da drüben steht die Gruppe von Yvelines, weiter hinten sieht man die Pantherinnen, die nur Pelz tragen. Und dann gibt es die Gérards aus Rennes, die sich blumige Slogans ausdenken und auf Aufkleber drucken. Von ihnen stammen die Sticker mit den Aufschriften „Frauen und Kinder raus“ oder „Heut Abend gibt’s Tee und Youporn“.

ARTE Concert: Ist der Sonntag Ihr persönlicher Lieblingsabend?

Mevenig: Der Samstag ist sehr schwierig, weil der Ansturm dann am größten ist. Sonntags können wir dann wieder relaxen. Und am Sonntagabend haben wir meistens viel Spaß.

The Districts à la Route du Rock
The Districts - Route du Rock The Districts - Route du Rock The Districts - Route du Rock

Relaxen: das war die zweite Etappe. Los ging es mit The Districts, einer jungen Rockband aus Philadelphia, die mit den Platten ihrer Eltern begann und dann wie die Kollegen von Fratellis bei Fat Possum unter Vertrag kam. Es war noch früh, und die Entspannung begann mit ein paar Slams bei Tageslicht. Natürlich relaxt jeder auf seine Art – Father John Misty etwa quatscht ordentlich Unsinn ins Mikro, das er dann in seine Hose steckt (Mick Jagger lässt grüßen). Der einstige Schlagzeuger der Fleet Foxes und ehemalige Josh Tillman tauschte die Sad Songs gegen das Outfit eines meschuggen Crooners und wird aus der ersten Reihe als „Verführer“ beschimpft. Das Mikro muss gewechselt werden, der Hygiene wegen. Dann dreht sich langsam der Wind: Viet Cong spielen drohnenhaften Industrial Punk, ihr Schlagzeuger hält die Stöcke verkehrt herum, die Refrains sind sanfter als die Strophen. Die vier Kanadier spielen einen Krautrock wie frisch aus dem Industriegebiet: zehn Mal hintereinander dieselbe Note, das verwandelt noch den schwerfälligsten Noisefan in einen drehenden Derwisch mit Lithiumbatterie. 

Father John Misty à la Route du Rock
Father John Misty - Route du Rock Father John Misty - Route du Rock Father John Misty -  Route du Rock

 

Ride spielen nach den Engländerinnen von Savages. Die Briten sind so alt wie das Festival selbst und im Shoegaze daher schon alte Hasen. Mark Gardener trägt einen Cowboyhut, die Großleinwände zeigen alte Westernausschnitte. Want to take a Ride, hombre? Creation durchbrechen die Schallmauer, ich fliehe aus Liebe zu meinen Ohren. Bei meiner Rückkehr: Dan Deacon. Sein etwas eigenartiges Konzert besteht im Wesentlichen aus einer mysteriöse Sequenzmaschine, ein paar Anweisungen (die Menge teilen, herumzappeln, hüpfen) und einem Schlagzeug mit 180 BpM. Als Deacon sein Gerät anschmeißt und mit ultragetunter Stimme zu unhaltbaren Rhythmen (daher die Zappelei) zu singen beginnt, ist der Großteil des Publikums wohl längst verrückt geworden. Sackgasse, keine Wendemöglichkeit. Die Route du Rock hat auch mit Chemie zu tun. Manchmal verändert man seinen Aggregatzustand.

Ride à la Route du Rock
Ride - Route du Rock Ride - Route du Rock Ride - Route du Rock
 

Foto © Rod Maurice