ARTE Concert Festival

The Divine Comedy im Interview

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http://concert.arte.tv/de/ACFFoto © Prowan

Neil Hannon von The Divine Comedy: „Ein bisschen mehr Fantasie und Humor könnte der aktuellen Popmusik nicht schaden.“

Sechs Jahre sind eine ganz schön lange Zeit. Kaum zu glauben, dass das letzte musikalische Lebenszeichen von Neil Hannon, Bang Goes The Knighthood, aus dem Jahr 2010 stammt. Doch nun gibt es ein neues Album von The Divine Comedy, und weil der nordirische Crooner eine Schwäche für Frankreich hat, wird er es im Rahmen des ersten ARTE-Concert-Festivals am 15. April auf einem ganz besonderen Gig in der Pariser Gaîté Lyrique vorstellen. In einem Telefoninterview plaudert der Master der orchestralen Popmusik über das Konzept seines lang erwarteten elften Albums, über David Bowie, über seine Songs, über Cricket und … über die Fußball-Europameisterschaft 2016.

 

Was erwartet die Zuschauer beim Konzert in der Gaîté Lyrique?

Drama! [lacht]. Im Augenblick treffe ich gerade letzte Vorbereitungen für das Konzert, auf dem ich das neue Album erstmals vorstellen werde. Es wird ein sehr persönlicher Auftritt, um der Grundstimmung der Songs gerecht zu werden. Im Februar 2015 stand ich in der Philharmonie mit einem riesigen Orchester auf einer noch riesigeren Bühne, und das war großartig – ein echtes Gänsehauterlebnis, auch weil ich nicht wusste, ob es funktionieren würde. Aber es war eben auch riskant und unheimlich arbeitsintensiv. In der Gaîté Lyrique stehe ich alleine mit vier Musikern auf der Bühne und werde die meiste Zeit nur als Sänger in Erscheinung treten. Auf diese Weise kann ich mich auf die Geschichten konzentrieren, die ich erzählen möchte. Und ich werde nicht mehr versuchen, französisch zu singen. Als ich das das letzte Mal probiert habe, hat mir anschließend ein Zuschauer gesagt, ich hätte mich einer völlig anderen Sprache bedient [lacht].

Warum die lange Pause nach Bang Goes The Knighthood 2010?

Als ich an dem Album schrieb, waren Cathy [seine Lebenspartnerin, die irische Sängerin Cathy Davey, Anm. d. Red.] und ich gerade dabei, uns ein neues Haus zu kaufen. Das hat meine Zeitplanung völlig über den Haufen geworfen. Vor allem aber fällt es mir schwer, die Dinge, die ich anfange, auch zum Ende zu bringen. Ich bin Perfektionist, manchmal sogar zu sehr. Zu guter Letzt habe ich mich dann aber doch dazu durchgerungen, mich im Studio einzuschließen und das Ganze durchzuziehen, bevor es anfängt, lächerlich zu werden.

Haben Sie Angst, sich zu wiederholen?

Sich zu wiederholen ist unvermeidlich. Ich habe 2001 mit Regeneration versucht, etwas Neues zu machen, doch dieses Album, das ich vor allem wegen der Zusammenarbeit mit Nigel Godrich [dem Produzenten von Radiohead, Anm. d. Red.] sehr mag, erwies sich als künstlerische Sackgasse. Im darauffolgenden Album Absent Friends bin ich dann wieder zu dem übergegangen, was ich am besten kann: instrumentallastiger 60er-Jahre-Pop. Eigentlich ist es albern, sich mit jedem Album neu erfinden zu wollen. Meine Stimme und meine kompositorische Handschrift sind nur auf eine bestimmte Art von Musik ausgelegt. Ich habe meinen Stil, und dazu stehe ich.

Wird es wieder einen Titel mit politischem Inhalt geben wie The Complete Banker auf dem letzten Album? Und wie lange haben Sie gebraucht, um die neuen Songs zu schreiben?

Das hat sich endlos hingezogen. Für die Aufnahme einiger zusätzlicher Instrumente musste ich nach London, aber das meiste haben wir bei mir zu Hause in meinem eigenen Studio aufgenommen, wo ich mich auch jetzt gerade befinde. Erste Songskizzen entstanden, als ich mir mit Cathy ein Studio in der Dubliner National Concert Hall teilte. Sie hat an dem Album übrigens auch als Backing Vocalist und bei den Percussions mitgewirkt. Es überrascht mich, dass der Text von „The Complete Banker“ [über einen skrupellosen Trader] auch heute noch, sechs Jahre später, von so großer Aktualität ist ... Der Song sagt alles aus, was ich über Politik zu erzählen hätte [lacht]. In den Texten des neuen Albums geht es um mich und um Liebe, das Übliche halt.

In Can You Stand Upon One Leg, einem Titel des letzten Albums, heißt es: „Can you write a silly song, it’s harder than you think …“

Das stimmt auch! Ich habe schon eine ganze Reihe dämlicher Songs geschrieben. Ich versuche dabei stets ein Gleichgewicht zwischen Düsternis und Heiterkeit herzustellen: Irgendwo zwischen diesen beiden Polen offenbart sich meine Persönlichkeit. Das Leben ist oft absurd, und Humor ist ein sehr wirkungsvolles Instrument, um diese Erkenntnis in der Musik zu transportieren. Einer völlig humorlosen Kunst würde ich misstrauisch gegenüberstehen.

Sie haben zusammen mit The Duckworth Lewis Method [im Duett mit dem Sänger Thomas Walsh der Gruppe Pugwash] schon zwei Alben über Cricket gemacht …

Mir ist schon klar, dass Lieder über diesen Sport außerhalb des Vereinigten Königreichs und Irlands nur sehr wenige Leute ansprechen, darum sind wir damit auch nicht durch Europa getourt. Thomas und ich sind in fast schon surrealistischer Weise an die Sache herangegangen, so wie Monty Python. Beim Songschreiben haben wir viel gelacht, bei den Aufnahmen weniger, denn wenn man gute Musik machen will, steht man immer unter großem Druck. Es hat aber unheimlich viel Spaß gemacht, zusammen auf der Bühne zu stehen. Eigentlich wollten wir nur ein Album zu diesem völlig aus der Luft gegriffenen und bekloppten Thema machen, aber dann haben wir gleich noch ein zweites draufgesetzt. Sollten wir noch ein drittes machen – was nicht sehr wahrscheinlich ist –passiert das aber erst, wenn wir alt und grau sind [lacht].

 

The Duckworth Lewis Method & Neil Hannon
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© DR

 

Sie haben ein eigenes Plattenlabel. Schenkt Ihnen das mehr Freiheit?

Die Freiheit, Geld in den Sand zu setzen … [lacht]. Nein, ganz ehrlich, das Label besteht nur aus mir und meiner Managerin Natalie, mehr ist da nicht. Wir machen es so wie alle und beschäftigen immer die gleichen Techniker, Musiker usw. Wir haben uns damit auf die veränderten Gegebenheiten eingestellt. Die Plattenfirmen verhalten sich so wie die Banken, also nicht besonders freundlich. Sie können einzelne Künstler sehr gut pushen und kümmern sich um sie, solange sie tonnenweise Alben verkaufen, doch wenn es um die langfristige Betreuung geht, sieht die Sache völlig anders aus. Sein eigenes Label zu haben ist mittlerweile eine zwingende Notwendigkeit.

Mit David Bowie, der eines Ihrer Vorbilder ist, teilen Sie die Liebe zur Musik von Scott Walker und Jacques Brel. Wie haben Sie auf seinen plötzlichen Tod reagiert?

Das war ein großer Verlust, aber ich bin kein besonders sentimentaler Mensch. Mir ist bewusst, dass jeder eines Tages sterben muss, große Stars ebenso wie No-Names. Dank der unerwartet großen Anteilnahme in der ganzen Welt sind viele junge Künstler erst auf dieses Genie aufmerksam geworden. Ich hoffe, dass einige in seine Fußstapfen treten werden und mit ihrer Musik wieder mehr Risiken eingehen. Ein bisschen mehr Phantasie und Humor könnte der aktuellen Popmusik nämlich nicht schaden. Natürlich muss man mit Ernst bei der Sache sein, wenn man Musik macht, das ist sogar sehr wichtig. Doch auf der Bühne beispielsweise muss man ein bisschen locker sein können. David Bowie, dessen Talent ich leider nicht habe, wusste die richtigen Leute um sich zu scharen und auf sie zu hören, denn er war nicht so ein Egomane wie ich. Im Alltag nehme ich natürlich Ratschläge aus meinem persönlichen Umfeld an, doch wenn es um die Arbeit geht, sieht die Sache anders aus.

Sie sind im vergangenen November in Nordirland mit dem Oh Yeah Legend Award für Ihr bisheriges Werk ausgezeichnet worden …

Das war eine große Ehre, diesen Preis sozusagen auf heimischem Terrain zu erhalten. Ich wusste gar nicht, dass die mich so mögen … [lacht]. Wissen Sie, ich komme aus einem ganz kleinen Dorf, da ist so etwas schon wichtig. Die Verleihung fand im November unter etwas seltsamen Bedingungen statt. Da zur gleichen Zeit die Attentate in Paris waren, mussten wir aus Sicherheitsgründen zehn Stunden am Flughafen Gatwick ausharren, bevor wir ins Flugzeug nach Belfast einsteigen konnten. Das ist natürlich angesichts der tragischen Ereignisse von Paris nur eine Lappalie. Ich war völlig verstört. Wir sind vor einigen Jahren ja im Bataclan aufgetreten … Als Nordire weiß ich, was es heißt, ein Leben mit dem Terror zu führen. Ich bin damit groß geworden, und es ist einfach nur furchtbar.

Zu einem etwas fröhlicheren Thema: Freuen Sie sich als Fußballfan über die erste Qualifikation Nordirlands für die Fußball-Europameisterschaft?

Aber sicher! Das ist ein historischer Augenblick! Das gesamte Vereinigte Königreich wird dabei sein, sogar Wales. Naja, mit Ausnahme der armen Schotten … Aber bleiben wir mal realistisch: Weder Irland noch Nordirland werden es ganz nach vorn schaffen. Aber wir werden viel Spaß dabei haben, uns ihre Gruppenspiele anzuschauen. Ich wohne mittlerweile etwa eine Autostunde von Dublin entfernt, wenn die beiden Teams also durch unglückliche Umstände gegeneinander antreten müssen, wird mir nichts anderes übrig bleiben, als mich hemmungslos zu betrinken [lacht]. Aber natürlich drücke ich die Daumen für Nordirland!

 

>> Am 15. April ab 19:45 Uhr stehen Ought, Nada Surf, Anna B Savage und The Divine Comedy live auf der Bühne des ARTE Concert Festivals!

 

Fünf Meilensteine im Leben von Neil Hannon

7. November 1970: Neil Hannon kommt in Derry, Nordirland, zur Welt.

1990: Veröffentlichung des ersten Albums mit dem Titel Fanfare for the Comic Muse. Als großer Frankreichliebhaber und Fan von Serge Gainsbourg und Jacques Brel arbeitet Neil Hannon mit zahlreichen französischen Künstlern zusammen, unter anderem mit Valérie Lemercier, Yann Tiersen, Charlotte Gainsbourg, Air, Vincent Delerm und Jane Birkin.

2001: Mit dem von Nigel Godrich produzierten Album Regeneration schlägt Hannon neue musikalische Wege ein und setzt stärker auf Gitarrensound.

2004: Rückkehr zur orchestralen Popmusik mit dem Album Absent Friends.

2007: Victory for the Comic Muse wird mit dem Choice Music Prize ausgezeichnet.

Mai 2010: Veröffentlichung des zehnten Albums Bang Goes the Knighthood.

 

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