Like a Jazz Machine

Die sanfte Gewalt des Ambrose Akinmusire

Ambrose Akinmusire

Am 8. Mai gab der amerikanische Musiker Ambrose Akinmusire auf dem Festival „Jazz Like a Machine“ im luxemburgischen Dudelange (Düdelingen) ein beeindruckendes Konzert.

Der in Oakland geborene junge Trompeter ist zurzeit der aufsteigende Stern am Jazzhimmel. 2011 sah das amerikanische Jazzmagazin Down Beat den preisgekrönten Musiker (u. a. Thelenious Monk International Jazz Competition, 2007) als kommenden Star unter den Trompetern. Akinmusire steht für einen ehrgeizigen Parcous (Steve Coleman, Gerald Clayton, Michel Portal, sein vor 7 Jahren gegründetes Quintett), eine breit angelegte musikalische Kultur (Jazz, Bach, Chopin, Björk …) und schnörkellose Virtuosität wie sein zweites gewagtes Blue-Note-Album  „When the heart emerges glistening“ beweist. Der namhafte Plattenverleger  hatte mit Miles Davis, Clifford Brown, Lee Morgan u.a. bereits viele seiner Vorbilder produziert … In der Welt des Jazz reißt man sich um ihn („In den vergangenen drei Monaten habe ich nur vier Tage zu Hause verbracht“, erzählt er). Mit gerade einmal 32 Jahren scheint er schon seinen eigenen, sehr persönlichen Stil gefunden zu haben, der in keine Kategorie passen will (er klebt weder am Neobop, was ihn auf Rückheitsgewandheit und Wiederbelebung der Geschichte festlegen würde, noch ist er in einer avantgardistischen Zwischenstufe gefangen), und die Modernität seiner Musik drängt sich pausenlos auf. Unverwechselbar ist vor Allem sein Klang.

 

 

Ein durchdringender Trompetenklang, gleichzeitig grob geformt und fein modelliert, der abwechselnd an Booker Little und Woody Shaw erinnert, und doch eigenständig und unverwechselbar bleibt. Ambrose Akinmusires Trompetenmusik brilliert, ohne zu blenden. Er erreicht emotionale Höhepunkte in einer Atmosphäre aus Schreien und Flüstern, taucht in das Herz der Melodie ein, nimmt sie in den Arm, enthüllt sie aus dem Innersten heraus und nicht in feinsinnigen und überflüssigen Schnörkeln. Ein geradliniger, direkter Klang, abwechselnd verinnerlicht, durchdringend und erregt. Akinmusire modelliert ausgehend von der Stille, aus dem Moment heraus, und bearbeitet das Klangmaterial wie ein Goldschmied. Das wird in den von einer sanften Melancholie durchdrungenen Balladen besonders deutlich (niemand hört Jazz, weil er alles hinausposaunt, sondern weil er die Wunden umschmeichelt). Auf der Bühne beeindruckt er auch durch seine äußerste Konzentration. Für Ambrose Akinmusire ist Musik nicht einfach ein Spiel, eine Übung, eine Demonstration von Freiheit, sondern auch und vor Allem Ausdruck seiner Spiritualität. „Musizieren bedeutet auch, die Schönheit dieser Sache, die sich Leben nennt, zu feiern“, erklärt er. „Es bedeutet Leben, Suche, Einsatz. Mein Einsatz ist die Musik. Was am Ende geschieht? Jeden Abend, bei jedem Konzert etwas anderes.“

 

Als Leader beweist Ambrose Akinmusire eine ruhige Kraft. Die vier Musiker, die ihn begleiten (eine ausgezeichnet aufeinander abgespielte Rhythmusgruppe mit Sam Harris an Klavier und Fender Rhodes, Harish Raghavan am Kontrabass, Mark Turner am Saxophon und Justin Brown, mit dem er seit 17 Jahren zusammen spielt, am Schlagzeug) bilden eine Art Schrein zur Umrahmung und besseren Entfaltung seiner „Stimme“. Ambrose Akinmusire ist ein Musiker der Dämmerung, der sanften Gewalt, die ihre Kraft nicht zur Schau stellt. Opernhafte Musik in der Weite des Selbst, Musik einer fieberhaften Innerlichkeit. Bis ins Sublime. Sie umfasst die ganze Komplexität des Jazz, gesponnen aus Gegensätzen und Widersprüchen, eine unwahrscheinliche und selbstverständliche Mischung aus Strenge, Spontaneität und Erfindung. Ambrose Akinmusire und seine Mitspieler träumen von neuen Überraschungen, durchdrungen von ausgeklügeltem Zusammenspiel, von nuancierten Emotionen und unerhörten Klängen. Ihre Musik ist ein Beispiel für hedonistischen Mut, gewagtes Vergnügen, bekennendes Schlemmen. Sie ertönt unerwartet und großartig, sublim und ungezügelt, kombiniert Rafinesse und Kraft, erreicht immer mehr den Zustand vollkommener Glückseligkeit.

 

 

Sämtliche Konzerte dieser Ausgabe gibt es hier.

 

Foto © Marc Lazzarini/Ville de Dudelange