Trans Musicales de Rennes

Die letzte Nacht in Trance

Lizzo

Sonntag, 7. Dezember, 39,2°C Fieber, Ende der 36. Ausgabe der Trans Musicales in Rennes. Vor Ausbruch der Grippe, einem Sonntag mit Tee, Wärmflasche und Fernsehen und – vielleicht – der Genesung, wage ich mich bei der letzten Konzertnacht des bretonischen Festivals noch einmal auf die Suche nach der Trance.

21.30 Uhr. Vorhang auf für den südafrikanischen Schlagzeuger Tumi Mogorosi! Zum Abschluss des diesjährigen Programms stellt er sein Album „Projet Elo“ vor, das nichts mit dem Disco-Rock des Electric Light Orchestra zu tun hat, sondern sehr spirituell daher kommt: Free-Jazz, Sänger, ein Saxofon und ein Kontrabass – nur wenige Instrumente, dafür gewaltige Stimmen und große Wirkung. Für diese erste Begegnung mit dem Jazz auf dem Messegelände ist Ohropax zu empfehlen. Gleichzeitig heizen Den Sorte Skole im größten Konzertsaal (dem Rocket, Saal 9) mit ihren Kontinental-Samplings ein. Das Duo mischt Klänge aus aller Herren Länder und versieht die Fundstücke mit Dub-Rhythmen. Noch fehlt es im Saal an menschlicher Wärme, und ich kann nicht richtig schreiben, weil meine Finger eingefroren sind. Dann erscheinen Lichtspiele auf riesigen Tafeln und erstrahlen wie brennende Totempfähle. Wunderschön und schlicht. 

Flash Forward: 3 Uhr morgens auf den Trans Musicales. Ich treffe Tumi Mogorosi und seine Musiker zusammen mit ein paar jungen Leuten im VIP-Bereich wieder. Sie haben Lampen und einen Tisch in Beschlag genommen und jammen vor sich hin. Der Saxofonist hat sein Instrument noch einmal herausgeholt und begleitet sie. Sie sind die einzigen, die sich unter die Festivalbesucher mischen – und das im VIP-Bereich, denn der ist hier für alle zugänglich. Ich treffe Ehrenamtliche und Schüler, die sich an Projekten mit dem Verein Trans Musicales beteiligen. Alle paar Meter sieht man einen Techniker, Pressesprecher, Künstler oder Journalisten wieder. Das lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder verbringen die „Pros“ (die „VIPs“) ihre Zeit an der „Pro-Bar“, oder das Festival neigt sich dem Ende zu und man kennt mittlerweile schon viele Gesichter. Sieh einer an: Da sind die Jungs von Clarens, die wir vor zwei Tagen kennengelernt haben.

 

Die Kraft der Erde! Die Kraft des Wassers! Die Kraft des Voodoo!

Bühne frei für Vaudou Game aus Lyon! Frontman Peter Solo trägt oben ohne, Samt, bunte Bänder und das, was sich innerhalb von zwei Monaten im Fundbüro des Bahnhofs Berlin Gesundbrunnen ansammelt zu haben scheint, als Ketten um den Hals. Als die Band gestern zur Promotion aufs Festivalgelände kam, riss sich die Presse regelrecht um sie. Peter Solo, hast du da deine Kontakte spielen lassen oder hast du die Leute schlichtweg verhext?

Peter Solo: „Ich habe gar nicht viele Kontakte. Ich bin eigentlich unwichtig. Eine winzige Ameise in diesem großen Chaos. Ich glaube, dass uns die Natur geschickt hat, um die Botschaft des Voodoo zu verbreiten. Das sage ich auch meinen Jungs immer wieder. Es ist eine Lebenseinstellung, eine Philosophie, eine Kunst. Davon bin ich überzeugt, denn es gibt keine Voodoo-Zeremonie ohne Trance-Rhythmen. [Trance! Da war das magische Wort!] Wir sind nur das Medium der Voodoo-Waffe. Ich bin ein Niemand und komme von nirgendwo. Das kannst du dir gar nicht vorstellen. Und jetzt stehe ich hier vor euch und spreche über Funk und Voodoo.“

Abgesehen von den traditionellen Überzeugungen des charismatischen Sängers aus Togo glauben Vaudou Game vor allem an die Kraft des Funks. Deshalb ist bei ihnen auch alles analog, im Studio („Wir haben diese modernen Computer ganz weit von uns weggeschoben“) wie auf der Bühne. Auf dieser verbinden Solo und seine Band heute Abend kleine Tanzeinlagen mit ihrer Fair-Trade-Musik und sind damit so etwas wie die togolesische Ausgabe der Budos Band [unter dem New Yorker Label Daptone Records, das sich ebenfalls der Analogtechnik verschrieben hat]. Der ganze Saal tanzt zu den Rhythmen des Game-Albums „Apiafo“. Solo holt unterdessen seinen Onkel Roger Damawuzan auf die Bühne. James Brown ist von den Toten auferstanden! Die Band – eine echte Voodoo-Puppe des Afro-Funk –, das Publikum und die Geister sind in Trance.

Islam Chipsy setzt den Zauber fort. Mit einem Synthesizer, der klingt wie ein Chor aus Shaolin-Mönchen, und zwei multifunktionalen Schlagzeugen, die an Cerrone erinnern, erzeugt das Trio aus Kairo eine aufgeputschte, orientalisch-ägyptische Version des Zombie-Zombie-Sounds. Einen Saal vom Ausmaß eines Fußballstadions mit etwas anderem als zweitaktigen Elektro-Hits zum Tanzen zu bringen – das muss ihnen erst einmal einer nachmachen! Dann räumt das Trio die Bühne für DJ Boris Brejcha, bei dem auch noch der letzte „transzendente“ Festivalbesucher auf den Dancefloor drängt.  

« Lizzo made me do this »

Lizzo packt mich mit ihrem feinfühligen Sample von Little Dragon. Doch dabei lässt es das Fräulein nicht bewenden. Wenig später holt sie einen jungen Bretonen aus der ersten Reihe auf die Bühne, lässt ihn sein Oberteil aus- und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Lizzo made me do it“ überziehen. Und schon muss er vor der Kamera mit dem Hintern wackeln. Schuld ist Lizzo. Aber die junge Rapperin aus Houston, Texas, die ihre Songs mit einer Vielzahl von Flow-Techniken aneinanderreiht, hat noch mehr drauf. Vor der Show verriet sie uns: „Ich rappe nicht immer so schnell. Das ist heute zu einer Technik geworden: Man muss zeigen, dass man seine Texte sehr schnell runterrattern kann. Ich komme aus Houston, wo es auch sehr langsame Musik gibt. Für mich ist es wichtig, verschiedene Stile zu beherrschen und mixen zu können.“ Heute Abend mixt sie tatsächlich. Ein zerhackter Text geht über in einen langen Wortschwall zum Klang von Infrabässen. Lizzo lässt die Konzerthalle des Festivals Trans Musicales in Rennes erzittern. Auch und vor allem das ist Trance: dieses Delirium, dieses ständig wiederkehrende Beben, das einen drei Tage lang begleitet und jedes Mal unfehlbar von einer Entdeckung zur nächsten führt. 

Foto © Gwendal Le Flem