Biennale d'art flamenco

Der Flamenco und die Frauen

Le flamenco aux flamencas !

Die erste Biennale d’Art Flamenco in Paris stand ganz im Zeichen der Flamencas! Jeden Tag stand ein weiblicher Star aus den Disziplinen Baile (Tanz) oder Cante (Gesang) auf der Bühne. Um sich in diesem fast ausschließlich maskulinen Milieu durchzusetzen, brauchen die Flamenco-Künstlerinnen jahrelange harte Arbeit und einen unbeirrbaren Willen.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Flamenco nur innerhalb der Familie getanzt und gesungen, dann folgt eine Professionalisierung. Der Flamenco eroberte die Cafes Cantantes. Manchmal griffen auch Frauen zur Gitarre. Gravuren aus der damaligen Zeit zeigen mit einem Tutu bekleidete, Gitarre spielende Frauen. Doch schnell setzten sich die Männer als einzige Interpreten dieses der klassischen Musik entlehnten Instruments durch. Frauen wurden auf der Bühne in die Rolle der Tänzerin, Kellnerin oder Prostituierten gedrängt oder zumindest als solche angesehen. Doch jetzt erobern die Gitarrespielerinnen langsam aber sicher die Bühne wieder zurück; Antonia Jimenez zum Beispiel begleitet die Tänzerin Olga Pericet regelmäßig auf der Gitarre. Im Pariser Théâtre National de Chaillot treten sie gemeinsam mit dem Stück „De una pieza“ auf.

Der Cantaor Silvio Franconetti (Flamencosänger und nicht cantante und damit traditioneller Sänger) eröffnete 1870 mit dem „Café de la Escalerilla“ das erste cafe cantante in Sevilla. Franconetti musizierte in seinem Flamenco-Café mit jenen Künstlern, welche die Grundlagen für den Flamenco schufen, wie wir ihn heute kennen. Zu ihnen gehörten beispielsweise Antonio Chacón – einige Originalaufnahmen sind erhalten geblieben – sowie die Sängerin La Sernata. Letztere gilt als Begründerin der Soleá, einer Sonderform des Flamencos, welche durch Fernanda und Bernarda de Utreja Bekanntheit erlangte. In einem Lied zu La Sernatas Tod komponierten Lied heißt es:

 

Cuando murió la Serneta

la escuela quedó cerrá,

porque se llevó la llave

del cante por soleá

 

Als La Serneta starb

blieben die Schulen geschlossen

Denn sie nahm den Schlüssel

zu den Soleá-Liedern mit ins Grab.

 

Ein solcher Bekanntheitsgrad blieb jedoch die Ausnahme. Im Gegenzug waren Frauen in den Letras – jenen drei bis vier Verse langen Gedichten, aus denen die Palos (Flamencolieder) bestehen – ein beliebtes Thema. Ob Mutter, Liebhaberin, Teufelin, Verräterin, Jungfrau oder junges Mädchen – sie alle wurden mit einigen lapidaren Worten erwähnt, die bereits alles Wesentliche über die Beziehungen zwischen Mann und Frau sagten. Der Blickwinkel war fast ausschließlich männlich. Psychische oder physische Gewalt gegen Frauen wurde hingegen nur sehr selten thematisiert. Stattdessen erfolgte eine Glorifizierung der „Liebesverbrechen“ gegenüber untreuen Frauen.

Im Alltag sangen und tanzten Frauen auf Hochzeiten, Taufen oder im Kreise der Familie. Manchmal war sogar ein Auftritt auf dem eigenen Dorffest oder einem benachbarten Festival möglich, niemals jedoch jenseits der Grenzen ihrer Provinz.

Tänzerinnen waren ebenfalls nicht zu beneiden. Selbst in der jüngeren Vergangenheit durften nur unverheiratete Frauen den Beruf der Bailaora ergreifen. Mit der Hochzeit änderte sich das Leben dieser Frauen, sie traten ab dann nur noch im engsten Kreis auf. Ein berühmtes Beispiel ist die Tänzerin Suzana Ortega, die in einem Tablao (ursprünglich eine kleine Holztanzfläche, später ein Lokal, in dem Flamenco getanzt und gesungen wurde) in Sevilla in den 1880er Jahren auftrat. Der Torero Rafaël Gomez El Gallo verliebte sich in sie. Nach einer phänomenalen Juerga (einem langen Fest), das in die Annalen einging und bei dem alle Flamencos aus Sevilla, Triana und der gesamten Umgebung mitfeierten, heirateten die beiden. Die Mutter von sechs Kindern trat danach nie wieder auf. Ihre Kinder brachten es jedoch zu einiger Berühmtheit: Zwei ihrer Söhne – El Gallo und Joselito – wurden Toreros, ihre Tochter Lola heiratete den Matador und Schriftsteller Ignacio Sánchez Mejías. Der tragische Held aus Federico García Lorcas Roman starb in der Arena.

Federico García Lorca pflegte enge Beziehungen zum Flamenco und den Zigeunern. Gemeinsam mit Manuel de Falla rief er 1922 den Wettbewerb „Concurso de Cante Jondo de Granada“ ins Leben, um den für die andalusische Identität so wichtigen Gesang zu erhalten. Die zeitgenössische Tänzerin La Yerbabuena, die ebenfalls aus dem maurisch geprägten Granada stammt, würdigt den Schriftsteller in ihrem auf der Biennale im Théâtre National de Chaillot aufgeführten Werk „Federico según Lorca“. Sie stellt sich den Poeten als kleinen Jungen vor, der den Brunnen und die Versammlungsplätze in seinem Dort liebt – Orte an denen geredet, getanzt und gesungen wird: Einer sorglosen Kindheit, gefolgt von einer schwierigen Jugend mit unglücklicher Liebe bis zu seiner Ermordung im jungen Alter von 37 Jahren. Mehr als 70 Jahre nach Lorcas Tod ist der Gesang immer noch Grundlage sowie Dreh- und Angelpunkt des Flamencos.

Beim Thema Frauen und Flamenco kommt unweigerlich die Sprache auf 1890, das Geburtsjahr von „La Niña de los Peines“ Pastora Pavón und der „La Argentina“ genannten Tänzerin Antonia Mercé y Luque. Jede trug auf ihre Art zum Umsturz der alten Flamencohierarchie bei. Ihr Talent wurde bereits sehr früh anerkannt. Beide konzentrierten sich ungehindert auf ihre Karriere. La Argentina ging nach Paris und übernahm von Serge de Diaghilev die Leitung des Spanischen Balletts in Paris und ließ sich in Frankreich nieder, wo sie 1936 starb.

La Niña de Los Peines zeigte der ganzen Welt, dass Frauen den Männern in nichts nachstehen und mit genauso viel Tiefgang und Seele singen können. Sie kannte jeden Palo, konnte jede Melodie aufgreifen und auf Flamencoart interpretieren, und besaß auch Talent für Tangos und Solares. Pastora Pavón ist noch heute Vorbild für zahlreiche Sängerinnen.

Die ebenfalls auf der Biennale auftretende Carmen Linares tritt in die Fußstapfen ihres revolutionären Vorbilds La Niña de Los Peines. Anstatt traditionelle Letras zu singen, vertont sie die Texte bekannter spanischer Poeten. Auf dem Programm im Théâtre National de Chaillot stehen beispielsweise Juan Ramón Jimenez, Miguel Hernandez und natürlich Federico García Lorca, der seit langem ihr spiritueller Begleiter ist. Die tänzerische Umsetzung übernimmt Belén Maya.

Flamenco-Künstlerinnen sind risikofreudig, kreativ und immer in Bewegung. Das beste Beispiel ist das Werk „Danzaora von Rocío Molina. Bei der innovativen Performance sind nur wenige Menschen auf der Bühne: ein Gitarrist, ein Sänger, zwei Palmeros – und natürlich die allgegenwärtige Rocío Molina. Diese Ode an den Wein und das Leben bietet zahlreiche Highlights für Augen und Ohren. Alles dient als Klangkörper: Weinflasche, Glas, Kiste und Tamburin. Charme und Persönlichkeit der Bailaora fesseln den Zuschauer bis zum unglaublichen Finale. Man hätte sich keinen besseren Schlusspunkt für die erste Biennale d’Art Flamenco wünschen können.

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