Les Inrocks Festival

DAS INROCKS FESTIVAL: TAG #03: Generationen treffen aufeinander

Inrocks

Es ist der dritte und letzte Tag des INROCKS FESTIVALS im Pariser Konzertsaal La Cigale. Morgen geht es weiter im Bataclan. Das Publikum heute Abend ist nicht mehr das jüngste. Kein Wunder: Cassius, der Hauptact, ist schon seit 20 Jahren im Geschäft. Das entspricht in etwa dem Alter von Adam Naas und den Musikern von Formation, die ebenfalls auf dem Programm stehen.

Jeder Tag auf und hinter der Bühne hinterlässt seine Spuren. Nach wie vor geht es enthusiastisch zu, niemand beschwert sich. Doch die Mitglieder des Bühnenteams haben dunkle Augenringe und mobilisieren letzte Reserven, um die Arbeit wie gewohnt zu schaffen. Kein einfacher Job! Aber es wird viel gelacht. Die Kameraleute besprechen den gestrigen Abend: Welcher Winkel war am besten für die und die Aufnahme, einer der Kamerakräne verursacht Rückenschmerzen, alle waren baff von der Bühnenshow eines jenen Künstlers, welche Linse ist optimal, wer hat meine Batterie geklaut? Es wird viel gefachsimpelt und mit exotischen Begriffen um sich geworfen; man versteht sich, jedes Wort hat eine feste Bedeutung. Man hat das Gefühl, dass sich hinter den Kulissen eine andere Welt verbirgt und es ist seltsam, aus dem Zuschauerraum in die technischen Abläufe einzutauchen. Es sind zwei Sphären, die sich nie überschneiden, ohne einander aber nicht existieren könnten …

 

Adam Naas ist heute unsere erste Verabredung. Wir wollen ihm Fragen stellen, ihn fotografieren, ihn zum Lachen bringen … Und diesen nervösen jungen Mann, der sich ständig windet, als müsse er sich zwicken, um sicherzugehen, dass er nicht träumt, vielleicht ein Stück weit zur Ruhe bringen. Adam Naas ist wirklich rührend. Wichtigtuerei und protziges Gehabe sind ihm völlig fremd. Unsicherheiten versucht er nicht zu vertuschen. Das einzige, was er wirklich zu fürchten scheint, sind Missverständnisse. Er brodelt vor Tatendrang und legt dabei eine gesunde Bescheidenheit an den Tag. Bei seinem Auftritt ist er genau so, wie er es uns zuvor beschrieben hat: Er arbeitet eng mit zwei Musikern zusammen, die in erster Linie Freunde sind und verlässt sich darauf, dass mit ihnen eine Symbiose zustande kommt. Die daraus entstehende Energie versucht er, auf das Publikum zu übertragen. Und es funktioniert: Seine Stimme, die für einen so zerbrechlichen jungen Mann ungemein soulig klingt, wird mit großer Begeisterung aufgenommen. Nach dem Konzert hat man Lust zu entdecken, was Adam Naas außerdem noch so treibt. Denn im Moment tobt er sich auch in den Bereichen Malerei, Tanz, Literatur und Szenografie aus. Sein oberstes Ziel scheint allerdings zu sein, „JD Beauvallet an den Hintern zu fassen“, wie unser Polaroid zutage bringt.  

Adam Naas aux Inrocks Festival 2016
Adam Naas beim Les Inrocks Festival 2016 Adam Naas gilt als der neue Hoffnungsträger des französischen Pop. Adam Naas beim Les Inrocks Festival 2016
Foto © Rémy Grandroques

 

Adam Naas
Adam Naas

Wir sind JD im Laufe des Festivals schon öfter über den Weg gelaufen. Endlich bekommen wir ihn und seinen Mitstreiter, den Fotografen Renaud Monfourny, zu fassen. Mit unserer Frage „Was bedeutet es heutzutage, unbestechlich zu sein?“ fühlen wir auch Ihnen auf den Zahn. Denn wer könnte sie besser beantworten als die Mitbegründer des Magazins Les Inrockuptibles*, das mittlerweile wöchentlich erscheint. Der eine antwortet uns mit seinem immer schiefen Lächeln „den Job zu machen, den ich jetzt seit 30 Jahren mache“, der andere schließt sich dem mehr oder weniger an, indem er sagt „immer noch der Gleiche zu sein wie 1986.“ Es gibt Passionen, denen die Jahre nichts anhaben können.

* Anmerkung des Übersetzers: Wortspiel mit „die Unbestechlichen“

JD Beauvalet
JD Beauvalet

Inrocks
Inrocks

Im Anschluss treffen wir das britische Zwillingsduo Formation, das sich auf der Bühne zu einem Trio mausert. Diese Begegnung wird mit Sicherheit die schönste des Festivals bleiben. Die drei jungen Künstler versprühen eine Menge positiver Vibes, sind unkompliziert und kontaktfreudig. Man merkt, dass sie gute Freunde sind, die schon lange zusammen Musik machen – vor allem Jazz, wo Hochmut völlig fehl am Platz wäre. Sie kennen einander in- und auswendig und schöpfen vor ihren Auftritten viel Kraft aus dieser Vertrautheit. Sie schotten sich aber keineswegs ab und verfallen auch nicht in mechanische Abläufe. „Ständig in Bewegung bleiben“ ist ihr Leitmotiv. Rockmusik zählt auch dazu, aber nicht nur. Man fühlt sich bisweilen an den frühen Saul Williams erinnert, nur in weniger hektisch. Das ist aber auch schon der einzige Vergleich, der uns bei ihrem außergewöhnlichen Sound in den Sinn kommt. Sie sind begabte Musiker, haben eine unglaublich positive Ausstrahlung und so viel Spaß auf der Bühne, dass es jedem sofort ins Auge springt. Später erzählen sie uns, dass die Show verrückt war, das Publikum grandios und sie es kaum erwarten können, das nächste Mal in Frankreich zu spielen. Ihre Ansichten zum Thema Unbestechlichkeit: „Zusammen ist es einfach schöner!“

Formation aux Inrocks Festival 2016
Formation beim Les Inrocks Festival 2016 Elektronisch und absolut tanzbar mit punkigem Anstrich, für die sich ein James Murphy nicht schämen müsste! Formation beim Les Inrocks Festival 2016
Foto © Rémy Grandroques

 

Formation
Formation

Cassius hinter den Kulissen ist geballte Coolness. Der eine schneidet Grimassen und macht Selfies, der andere bringt alle Umstehenden zum Lachen. Sie sind erstaunlich unkompliziert – ganz im Gegensatz zu ihrem Bühnenset, das gerade aufgebaut wird. Unmengen von Pflanzen werden rausgeschoben und schließlich kommt noch ein riesiger Vulkan dazu. Auch Lichteffekte spielen eine große Rolle – eine Inszenierung, die sich sehen lassen kann. Da soll noch mal einer sagen: „Das Problem bei elektronischer Musik ist, dass man nichts zum Gucken hat.“ Ganz im Gegenteil! Was uns hier erwartet, ist ein einziger großer Trip in den tropischen Regenwald. Am vorderen Bühnenrand stehen Tänzer in Affenkostümen – ganz nach dem Geschmack von Liebhabern des großen Dekors. Am Ende des Abends ist das Publikum wie in Ekstase: Frenetische Fans der ersten Stunde feiern ein Revival. Es war interessant zu beobachten, wie sich das Publikum bisher jeden Abend völlig unterschiedlich zusammensetzte. Wir freuen uns auf die morgigen Bands und Besucher im Bataclan. Es wird der letzte Festivaltag in Paris sein. Auf dem Programm stehen The Lemon Twigs, Seratones und Tinariwen. 

Cassius
Cassius

 

Cassius @ Les Inrocks Festival
Cassius @ Les Inrocks Festival Cassius, eine feste Größe der französischen Elektro-Szene, produziert und remixt gleichermaßen erfolgreich. Cassius @ Les Inrocks Festival
Foto © Rémy Grandroques