Les Inrocks Festival

DAS INROCKS FESTIVAL: JOUR #04 : Back to Bataclan

Bataclan

Der letzte Pariser INROCKS-Abend verspricht Blues in allen Schattierungen. Auf dem Programm stehen die Seratones, The Lemon Twigs und Tinariwen. In unsere Vorfreude mischt sich aber auch Trauer: Wir betreten das Bataclan zum ersten Mal seit den tragischen Ereignissen im letzten Jahr.

Die Anschläge vom 13. November 2015 haben uns alle betroffen gemacht. Die Musikbranche hat besonders gelitten. Unsicher betreten wir den Saal. Unsere Gedanken sind bei den Freunden und Unbekannten, die an jenem Abend ihr Leben lassen mussten. Die einen fürchten von Gehfühlen übermannt zu werden, den anderen ist mulmig zu Mute bei der Vorstellung, hier wieder ausgelassen zu tanzen. Die Blicke, die hinter den Kulissen ausgetauscht werden, sind nicht die gleichen wie zuvor. Viele haben Tränen in den Augen. Man versucht nicht, sie zu verstecken, trocknet sie aber vorsichtshalber schnell … Der Saal wurde grunderneuert und sieht genauso aus wie vorher, das hinterlässt einen seltsamen Beigeschmack. Es ist unmöglich, die Bilder des Grauens zurückzudrängen, unmöglich, nicht darüber zu sprechen … Trauer, Wut und Unverständnis sind einfach überwältigend. Später am Abend werden wir Freunde in der Menge erkennen, die wiedergekommen sind, um über das, was ihnen hier widerfahren ist, hinwegzukommen. Wir haben großen Respekt und bewundern ihre Stärke. Sie schaffen es, mit einem Lächeln in der ersten Reihe zu stehen. Auch wir müssen es schaffen. Tauchen wir ein in die Musik.

 

Wir treffen die Seratones kurz vor ihrem Auftritt. Sie vergleichen sich als Musiker mit verschiedenen Tieren und sorgen damit für einen erlösenden Lachanfall: Die Sängerin und Gitarristin sei ein Bär oder eine Biene, der Gitarrist ein Löwe, der Bassist ein Nutria und der Schlagzeuger ein Tintenfisch. Wir hätten diesen Moment gerne gefilmt, um ihn euch zu zeigen. Ihren Auftritt werdet ihr jetzt vielleicht mit anderen Augen sehen. Das Konzert der Seratones war von Anfang an eine einzige Explosion: die Band scheint schon ewig zusammen zu spielen, geht auf das Publikum zu, bis in den Bühnengraben und liebt es zu interagieren. Ihr ungeschliffener Stil ist eine Mischung aus Punk-Rock, Soul und Garagenblues. Eine Louisiana-Version der Alabama Shakes und ein gelungener Auftakt. Auch sie fragten wir, wie man unbestechlich bleibt. „Indem man literweise Honig trinkt!“ Ratet selbst von wem diese Antwort kam!

Seratones aux Inrocks Festival 2016
Seratones beim Les Inrocks Festival 2016 Garage Music, über die sich eine sanfte Soul-Stimme legt: So klingen die Seratones. Seratones beim Les Inrocks Festival 2016
Foto © Rémy Grandroques

 

Polaroïd Seratones © Rod MAURICE
Polaroïd Seratones © Rod MAURICE

The Lemon Twigs, das sind zwei Brüder mit einem Durchschnittsalter von 18, eine Bassistin und ein Schlagzeuger. Besonders auffällig ist das Gründerduo: Der eine sieht aus wie die Reinkarnation von Pete Townshend (selbst seine Ticks ahmt er nach), der andere ist ein perfektes Keith-Moon-Double. Kurzgesagt: Man hat den Eindruck, es mit The Who zu tun zu haben. Manchmal lässt sich auch ein Hauch von Supertramp raushören. Weitere Inspirationsquellen seien The Kinks, T-Rex oder sogar die Beatles. Wer kann es ihnen verübeln, so jung wie sie sind … Es braucht immer eine gewisse Zeit, um musikalische Einflüsse richtig zu verarbeiten. Ihr Sinn für Entertainment und Performance ist beeindruckend. Sie legen sich wirklich ins Zeug, lassen keinen Effekt aus, tauschen regelmäßig ihre Plätze, tanzen von einer Bühnenseite zur anderen und spielen dabei noch Gitarre. Ihr Talent als Multiinstrumentalisten stellen sie glaubhaft unter Beweis. Nach ihrer Definition von „Unbestechlichkeit“ befragt, antworteten sie: „The best thing you can be“

The Lemon Twigs aux Inrocks Festival 2016
The Lemon Twigs beim Les Inrocks Festival 2016 Mit ihrem ersten Album Do Hollywood haben The Lemon Twings ein stilistisch anspruchsvolles Werk vorgelegt. The Lemon Twigs beim Les Inrocks Festival 2016
Foto © Rémy Grandroques

 

Polaroïd Lemon Twings © Rod MAURICE
Polaroïd Lemon Twings © Rod MAURICE

Mit der Bezeichnung Adrar des Ifoghas können die meisten von uns wenig anfangen. Es handelt sich um ein Gebirge in der Sahara, das sich von Mali bis nach Algerien zieht. Es ist die Heimat der Touareg-Band Tinariwen. Durch den Vormarsch der Islamisten können die Musiker dort weder Aufnahmen machen noch Konzerte geben. Man kann sich vorstellen, was es für sie bedeutet, heute Abend im Bataclan zu spielen. Es scheint, als verfolge sie der Terror. Sobald sie die Bühne betreten, ist eine Veränderung im Saal spürbar. Im Publikum befinden sich einige Zuschauer in traditioneller Kleidung. Sie sprechen eine andere Sprache und niemand traut sich, ihnen ins Wort zu fallen. Aber jeder möchte wissen, was in ihnen vorgeht. Doch schon bald löst sich die Anspannung: Alle bewegen sich auf die gleiche rhythmische Weise. Das Publikum verschmilzt zu einer einzigen Woge und alle lassen sich mitziehen von dem tranceartigen Wüsten-Blues der Band. Ein schöner Moment, der an Intensität kaum zu übertreffen ist.   

Tinariwen aux Inrocks Festival 2016
Tinariwen beim Les Inrocks Festival 2016 Die Tuareg-Musiker von Tinariwen gelten als die Könige des nordafrikanischen Blues. Tinariwen beim Les Inrocks Festival 2016
Foto © Rémy Grandroques

 

Am Ende wird uns dann doch alles etwas zu viel: Gemischte Gefühle, Müdigkeit und die Geschichte dieses Ortes tragen ihren Teil dazu bei. Jeder geht auf seine Weise damit um. Wir verlassen noch vor Konzertende den Saal, werfen einen letzten Blick auf die Gedenktafel und die beiden weißen Rosen. Das heißt aber nicht, dass danach alles vergessen sein wird. Was an diesem Ort geschehen ist, werden wir nie vergessen.

Polaroïd Bataclan © Rod MAURICE
Polaroïd Bataclan © Rod MAURICE