Festival d'Avignon

Avignon – im Zeichen des Bösen

Richard III

Mit seiner modernen Interpretation der düsteren Shakespeare-Tragöde „Richard III.“ konnte Thomas Ostermeier das Festivalpublikum von Avignon für sich erobern.

Die Nacht ist kaum angebrochen, doch die Festlichkeiten laufen bereits auf Hochtouren. Auf die Bühne regnet Konfetti herab, Champagner fließt in Strömen. Der englische Hof feiert seinen jüngsten Sieg. Selten hat der Palast Edwards VII. einen solchen Luxus, einen so unbeschwerten Freudentaumel erlebt ... Abseits beobachtet ein Einzelner das Geschehen. Er, der am Krieg teilgenommen und sich durch Tapferkeit ausgezeichnet hat, findet bei Hof keine Beachtung. Selbst seine Mutter will nichts von ihm wissen. Als Scheusal steht er vor uns, missgestaltet, buckelig und rachedurstig. Er greift nach dem Mikrofon und weiht das Publikum in seine schmutzigen Pläne ein. Ihm steht rechtmäßig die Macht zu. Um sie zu erringen, lässt er die Hälfte des englischen Hofs beseitigen. Dieser Mann heißt Richard III., es ist die finsterste aller Shakespeare’schen Figuren, die Verkörperung des Bösen schlechthin.

Thomas Ostermeier, Regisseur und Intendant der Berliner Schaubühne, hat diesem Bösewicht ein Gesicht gegeben: das von Lars Eidinger. Als punkiger, schlauer und auf abgründige Weise verführerischer Richard III. macht dieser das Publikum zum Komplizen. Zwei Stunden später sind seine tödlichen Triebe die unseren geworden. Wie immer hat Ostermeier nichts dem Zufall überlassen. Alles ist präzise, kontrolliert, temporeich und äußerst unterhaltsam. Diese Inszenierung hat alles von einem populären und zugleich hochsubtilen Werk und wird als solches in die Geschichte des Festivals von Avignon eingehen. Sie verdient es zumindest.

"Richard III" de Shakespeare mis en scène par Thomas Ostermeier
Thomas Ostermeier inszeniert Shakespeares "Richard III." Thomas Ostermeier inszeniert Shakespeares "Richard III." Thomas Ostermeier inszeniert Shakespeares


Foto © La Compagnie des Indes / Arno Declair