Arte Mix ø Trabendo

Arte Mix ø Trabendo: Die Party geht weiter!

The Do

Am 17. Dezember heißt es wieder wie in jedem Jahr kurz vor Weihnachten Arte Mix ø Trabendo. Auf dem Programm: C.A.R, The Dø und Super Discount. Oder in anderen Worten: moderner, himmlisch melancholischer Cold Wave, von Ex-Folkmusikern eigenhändig gebastelter Synth Pop und feinster Techno, der alles andere als Discount ist. Mehr dazu gleich hier unten, geordnet nach Namen und Auftrittsreihenfolge.

Kaum ist man aus der Metro ausgestiegen, lässt C.A.R. bereits den Motor an. C.A.R, das ist Chloé Raunet, eine elegante Wasserstoffblondine mit Bubikopf. Ihre Stimme erinnert an Sängerinnen der 1980er Jahre wie Anne Clark oder Mona Soyoc von Kas Product, einer französischen New-Wave-Formation, die vor Kurzem ihr Comeback feierte, obwohl ihr größter Hit ausgerechnet „Never Come Back“ hieß. Selbst wenn bei C.A.R. keine alten Weggefährten erneut zusammengefunden haben, handelt es sich trotzdem um eine Art Comeback. Denn Chloé ist musikalisch kein unbeschriebenes Blatt: Gemeinsam mit ihrem allzu früh verstorbenen Bühnenpartner Joël Dever spielte sie in der Band Battant. Damals hatte sie genau zwei Möglichkeiten: entweder auch die eigene Karriere zu Grabe zu tragen oder einen Neuanfang zu wagen. Sie entschied sich für das, was vermutlich auch ihr Partner von ihr erwartet hätte: Ein eigenes Projekt zu starten, eine One-Woman-Band, die musikalisch die alten Pfade verlässt und doch für all das steht, was ihnen beiden am Herzen lag. Und so ist ihr Debütalbum My Friend (ein sprechender Titel, der universell zu verstehen ist) zu einer bewegenden Hommage an einen Mann geworden, der für sie Licht und Schatten zugleich war, denn in der Musik von C.A.R – die Abkürzung steht für Choose Acronym Randomly – steckt immer auch ein wenig Joël. Man spürt, dass es eine Leere auszufüllen galt, die sein plötzliches Verschwinden hinterlassen hatte – Musik erweist sich in solchen Fällen als wirksame Medizin gegen aufkommende Resignation, Singen durchbricht die betäubende Stille der Depression. So stürzte sie sich in die Arbeit, statt ihre Seele von der Trauer auffressen zu lassen. In solchen Situationen begibt man sich besser in Gesellschaft, und so steht Chloé heute Abend auch nicht alleine auf der Bühne, sondern mit einem neuen Schlagzeuger, der für ihre ernste Stimme den Takt angibt. Unter seiner rhythmischen Führung performt sie ihre anrührenden Songs, auf die es sich so wunderbar tanzen lässt, um die Tränen vergessen zu machen.

Im Interview verriet Chloé, dass die Verfremdungen ihrer Stimme nichts anderes seien als eine „Tarnung“, um ihre Gefühle bei bestimmten Titeln, die ihr persönlich sehr nahe gingen (SophomoreMy Friend D...), nicht schonungslos bloßlegen zu müssen. Auf der Bühne klingt ihre Musik zuweilen nach Planningtorock, so rau und kehlig kommt ihre Stimme rüber, die man aufgrund der Höhen nicht einmal als androgyn bezeichnen kann. Auch der Vergleich mit Laurie Anderson (auf ihrem Album Big Science) bietet sich an. Neil Young hatte sein Synth-Album Trans mithilfe von Vocodern und anderen Effektgeräten aufgenommen, um mit seinem behinderten Sohn zu kommunizieren: Hier könnte man den Eindruck gewinnen, dass es Chloé nicht nur um die Schwierigkeit geht, der Trauer über Joëls Tod öffentlich Ausdruck zu verleihen, sondern auch um den Wunsch, mit der Präzision ihrer maskulinen Stimme wenigstens für die Dauer eines Liedes an seine Stelle zu treten. Wie so oft dient der Einsatz von Geräten zur Veränderung der menschlichen Stimme nicht nur der Verfremdung, sondern er offenbart auch die eigentliche Bedeutung der Worte, macht sie noch anrührender, ob sie nun gemurmelt, geschrien oder ganz normal ausgesprochen werden. Erstaunlich: Chloés Stimme verändert sich auch je nach Sprache, in der sie singt – Englisch und Französisch. Paradoxerweise wirkt sie auf Französisch authentischer, auch wenn es sich dabei nicht um ihre Muttersprache handelt und sie einräumt, dass es ihr schwerfällt, Songs in französischer Sprache zu schreiben. Vielleicht liegt es daran, dass es die Sprache ist, die sie auch verwendet, um zwischen den Stücken zu kommunizieren, aus ihrer Bühnenrolle hinauszuschlüpfen und wieder zum menschlichen Wesen zu werden. So covert sie auch einen französischen Titel, der allerdings sehr sorgfältig ausgewählt wurde: La petite fille du 3ème von Christophe (ebenfalls ein großer Stimmtüftler). Christine & The Queens haben sein Paradis Perdus in diesem Jahr bereits neu interpretiert. Christophe muss ihm siebten Himmel schweben: Frauen hauchen den Songs der Musiklegende neues Leben ein. Chloés Fassung klingt fröhlich: „Je vois tout, j’entends tout mais je ne dis jamais rien (Ich sehe alles, ich höre alles, aber ich schweige stets)“, singt sie, so als beschriebe die Wahl-Londonerin das muntere Treiben in ihrem Stadtviertel, das sie aus ihrem Fenster beobachtet. Die meisten französischen Künstler haben kein Problem mit radebrechend gesungenem Englisch (allen voran Christophe, der seinen unverständlichen Sprechgesang als „Yop“ bezeichnet). Umso weniger Gründe hätte Chloé, öfter mal auf Französisch zu performen. Was zählt ist nicht die korrekte Aussprache, sondern die Schönheit des Akzents. Was? Schon zu Ende? Wenn Sie die Bühne verlässt, wird die Leere erst richtig spürbar. Von diesem C.A.R lässt man sich gerne an einen anderen Ort entführen.

Doch es geht sofort weiter. Pärchen haben auf der Bühne schon immer für Aufsehen und Bewunderung gesorgt, Battant sind da nur ein Beispiel von vielen. Das hat nicht unbedingt etwas mit Voyeurismus zu tun, sondern vielmehr mit der Chemie zwischen den beiden Künstlern, die das Publikum spürt und die die Vorstellung des gemeinsamen Werks als „Baby“ unterstreicht – ein echter Schöpfungsakt eben. In dieser Kategorie finden sich auch The Dø. Heute Abend allerdings wird ihre Zweisamkeit empfindlich gestört, denn das Duo tritt als erweiterte Formation mit zwei weiteren Mitstreitern auf und wechselt von der Intimität des Studios in einen Konzertsaal voller Menschen. Nun, angesichts der Bekanntheit der beiden Turteltäubchen – die angeblich nur auf der Bühne ein Paar sind, wie sie selbst und sogar das französische Klatschmagazin Voici beteuern – dürfte das kein Problem darstellen. Es gibt da eine indiskrete Frage, die ich Konzertbesuchern zwischen zwei Auftritten immer wieder gerne stelle, vor allem wenn sie gerade von der Toilette kommen: „Für wen sind sie heute Abend da?“ Das ist vielleicht eine dumme Frage, so als ob man bei einer Einladung fragen würde, ob man wegen eines bestimmten Gasts erschienen ist – natürlich ist man „wegen des Ganzen“ hergekommen, wegen des Auftakts, wegen des Feuerwerks, wegen der Überraschungen oder auch wegen der sauberen Toiletten (selbst wenn dort keine Seife lag). In vorliegendem Fall beantwortet sich diese Frage allerdings so gut wie von alleine, denn die Leute, die sonst mit den entsprechenden Antworten aufwarten, lassen alles stehen und liegen, um beim Auftritt einer Gruppe ganz vorne mit dabei zu sein, die schon fast zu einer Art Nationalheiligtum geworden ist. Und dann ist es auch egal für wen die Leute ursprünglich gekommen sein mögen, denn an diesem Abend stehen auf jeden Fall ziemlich viele für The Dø im Saal. The Dø waren schon immer etwas Besonderes: Sie sind längst nicht mehr und waren vielleicht auch nie das Duo, das man ganz für sich alleine genießen kann, so groß war stets der Wunsch, ihre Musik mit anderen zu teilen. Man fühlt sich ein wenig wie in der ersten Reihe und wäre am liebsten ganz alleine hier – dort, wo sich im Theater der Balkon befindet und in etwa so wie das von Christophe besungene kleine Mädchen aus dem dritten Stock. Von dort kann man The Dø bereits erahnen, während sie gerade dabei sind, sich einzustimmen. Alles bewegt sich, um näher an die Bühne zu rücken, alles rückt näher an die Bühne, um sich bewegen zu können. Tanzende Lichter, tanzende Körper im Sog nächtlicher Sonnenstrahlen. Olivia und Dan erzählten kürzlich, dass es einen harten Kern von Fans gibt, die zu all ihren Konzerten kommen und sich ganz vorne an die Bühne stellen, um dort völlig teilnahmslos zu verharren – so als ob sie sich langweilen und auf die nächste Gruppe warten würden (auch wenn gar keine mehr kommt). Seltsam. Es gibt sonst nur einen Zuschauer, der die anderen Zuschauer beobachtet, statt sich auf das Bühnengeschehen zu konzentrieren: den Journalisten. In diesem Fall meine Wenigkeit, und die stellt fest: ob vorne, ob hinten oder an den Seiten – alle wollen am liebsten, dass das Konzert niemals endet und mit jedem neuen Stück wieder von vorn anfängt. Sämtliche Augen sind auf Olivia gerichtet. „Now just do as I say/keep your lips sealed“, singt sie, und das Publikum übt kollektiven Ungehorsam, sperrt die Münder auf und schluckt gierig ihre Worte, um sie kurz darauf wieder herauszusingen. Anders als bei C.A.R klingt ihre Stimme kindlich, sie ist das Nesthäkchen des Duos. Die beiden fesselnden und auf dem Cover ihres neuen Albums auch gefesselten Künstler haben mit Shake Shook Shaken nicht nur unter Beweis gestellt, dass sie die englischen Zeitformen beherrschen, sondern auch eine echte musikalische Kehrtwende vollzogen. Schluss mit dem Geschrammel und Gesäusel von gestern, Bahn frei für eine elektronische Sound-Offensive, die bis zum Ende des Abends jeden Mauerstein zum Beben bringt. Der brave, altväterliche Kuschel-Folk räumt den Platz für heißblütige Klang-Kaskaden. Nun gut, Hardcore-Electroclash ist das Ganze auch nicht gerade, aber die Mischung zwischen dem Mann an den Instrumenten und der Frau an der Show-Front ist perfekt ausgewogen und funktioniert bestens. The Dø sind ein bisschen wie der Benjamin Button der französischen Popmusik: Nachdem sie ein bisschen retromäßig angefangen haben, sind sie nun in der Moderne angekommen. Ob sie wohl in einen Jungbrunnen gefallen sind? Den Weg vom Seniorenclub zum Nachtclub haben sie auf jeden Fall gefunden.

Wo wir gerade bei Senioren und Nachtclubs sind – jetzt ist Etienne de Crécy an der Reihe, einer der altgedienten Veteranen des French Touch. Der Kult-Musiker, der mittlerweile 45 Jahre alt ist, streift mit seinen Mannen die goldenen Handschuhe über, um die Bühne in einen Dancefloor zu verwandeln. Sie nennen sich Super Discount. Was das Ganze mit The Dø zu tun hat? Gar nichts! Oder vielleicht doch: Zumindest findet sich das skandinavische „ø“ in The Dø und in Mia Hansen-Løve (und bei „Arte Mix ø Trabendo“). Letztere hat erst kürzlich den Film Eden herausgebracht, in dem der fantastische Siegeszug des französischen House-Tech um die ganze Welt nachgezeichnet wird. Von Ghetto bis Guetta, sozusagen. Ein Siegeszug, an dem auch Etienne seinen Anteil hatte. Und immer noch hat, denn er wirkt noch genauso frisch wie vor 20 Jahren: Weder von Rast noch Rost ist hier die geringste Spur zu merken. In der Warteschlange zum Dinner aufgeschnappt: „Nein, Etienne de Crécy habe ich noch nie gesehen, aber dafür Edith Cresson…“ Na dann… Die Szenerie ändert sich, der Tonfall ändert sich, sogar das Publikum ändert sich: Einige stürzen davon, um noch die letzte Metro zu erwischen, andere stürzen an die Bar, um noch einen Gin zu bestellen. Doch alles kein Grund zur Bestürzung. Der Name Super Discount lässt mich schmunzeln. Ich muss dabei an eine zwischen Raucherterrasse und The Dø entwickelte Theorie denken: In ein paar Jahren wird niemand mehr in Diskotheken gehen wollen (Preise zu teuer, Musik zu schlecht, Personal zu unsympathisch, Abfuhren zu häufig...), und darum werden die letzten wahren Nachtclubs die Supermärkte sein – einschließlich der Harddiscounter. Klingt ein bisschen an den Haaren herbeigezogen? Na gut, es ist spät. Da das mit dem Denken nicht mehr so gut funktioniert, lautet die Devise von nun an „Ich tanze, also bin ich“, wie es der französische Schriftsteller Guillaume Dustan formulierte. Das Hirn würde jetzt ohnehin unnötig stören, darum einfach abschalten. Und ob kleine Wehwehchen oder schwere Schicksalsschläge – die drei Männer an den Turntables blasen einem die letzten Sorgen aus dem Schädel. Am Ausgang der Techno-Abteilung stehen ein paar nicht so begnadete Tänzer und beklagen sich über die „doch sehr repetitive Musik“. Das ist ungefähr so sinnig, als würde man sich bei einem Experimentalfilm über die fehlende Handlung beklagen. Aber egal, Buchstaben blinken auf, S.U.P.E.R D.I… und dann mit einiger Verzögerung S.C.O.U.N.T., in leuchtenden Farben, rot, grün, ohne Unterlass, wummernde Beats, eingängige Hooks und Melodien, die durch den Bauch gehen, um mit jedem Herzschlag wieder nach außen geschleudert zu werden. Die drei Männer zähmen ihre Maschinen wie Dompteure gefährliche Reptilien. Dabei gelingt es ihnen mühelos, Musikstücke – und Nachtschwärmer – geschmeidig wie ein Zauberwürfel-Champion miteinander verschmelzen zu lassen. „Now just do as I say/keep your lips sealed, sangen eben noch The Dø: Jetzt ist der Moment gekommen, einfach nur zu schweigen und die Augen zu schließen. Und sie erst 2015 wieder zu öffnen.

Foto © Philippe Levy