ARTE Concert Festival

ARTE Concert Festival I Pop, Rock und ein Wiedersehen – Hot, hot, hot!

ACF D1

Die Gaîté Lyrique ist proppenvoll an diesem ersten Tag des ARTE CONCERT FESTIVALS: Sämtliche Eintrittskarten waren im Handumdrehen ausverkauft und die Erwartungshaltung bei den Gästen ist hoch. An der Bar im Foyer schnappe ich Gesprächsfetzen auf, in denen es um The Divine Comedy geht – „Glaubst du, er spielt Something For The Week-End?“, „Mannomann, ich hab' seinen Auftritt in der Philharmonie verpasst. Gott sei Dank tritt er hier noch einmal auf!“ – und hier und da stimmt jemand Popular von Nada Surf an. OKAY, es kann losgehen!

Unter den Anwesenden gibt es offenbar viele, die wissen, was sie von OUGHT und ihrer Bühnenshow erwarten können. Einige sind sogar nur für sie gekommen! Und dann betritt die Formation, die von allen Bands des kanadischen Independant-Labels Constellation am stärksten an den Velvet Underground erinnert, auch schon die Bühne und lässt mit Sun's Coming Down wie erwartet die Spannung steigen. Wer mit ihrem kraftvollen Spiel noch nicht vertraut ist, kommt spätestens beim nächsten Stück, der Headbanger-Hymne The Combo, auf den Geschmack.  Zu den Klängen von Passionate Turn füllt sich der Saal zusehends, begleitet von den köstlich-kruden Schlagzeugbeats der Band. Am Galgen über uns vollführt die Kamera in sanftem Hin und Her eine geschmeidige Choreographie, die in sonderbarem Kontrast zum Headbanging der einen und zum Tapping der anderen steht.  Men For Miles lässt das Adrenalin weiter in die Höhe schnellen, bis mit Today More Than Any Other Day schließlich alle in Trance sind. Das Fieber steigt – die gefühlte Temperatur ist hot, hot, hot! Glücklicherweise gönnt die Band dem Publikum mit Beautiful Blue Sky eine gnädige Verschnaufpause, doch den drei Kanadiern liegen die wilden Gitarrensolos einfach im Blut, und so schließen sie ihr Set mit Never Better – das bei vielen Erinnerungen an Lou Reed weckt, wenn man den Kommentaren beim Hinausgehen Glauben schenken darf. #zugegeben

Ought @ ARTE Concert Festival
Ought @ ARTE Concert Festival Eine der vielversprechendsten Bands der letzten beiden Jahre. Ought @ ARTE Concert Festival

Wann Nada Surf ihren Hit Popular spielen werden, scheint für die ausdauernden Fans der Gruppe nicht die beherrschende Frage zu sein, denn der Saal ist zum Bersten voll! Unter all den Menschen erkennt man kaum die Kameraleute, die sich alleine durch die roten Lichter über der Schulter von der Masse abheben. Das macht mich neugierig und ich beschließe, der Regie einen Besuch abzustatten. Ok, unten im Saal ist es heiß, aber im vierten Stock herrschen Saunatemperaturen: Die Ventilatoren rühren in der zum Schneiden dicken Luft, während das Team aus etwa 50 Personen seiner Arbeit nachgeht.  „5, 4, 3, 2, 1: Vorspann ab!“  Überall stehen Monitore in sämtlichen Größen, Festplatten und Geräte, von denen ich nicht einmal den Namen weiß. Toningenieure rennen mit Mikrofonangeln herum, die Moderatorin sammelt sich und alle reden in einer unverständlichen Sprache: Aufnahmeleitung, Regie, Satellitenleitung, Skript, „Dolly einmal auf die andere Seite!“.

Auch ich verziehe mich auf die andere Seite, um die Kollegen nicht zu stören. Wahnsinn, wie konzentriert alle arbeiten! Cold To See Clear, Whose Authority, Believe You're Mine, Happy Kid, Inside of Love: Nada Surf haben bereits ein Best-of ihrer Singles auf die Bühne gebracht, und das Publikum rockt im Saal zu den Radiohits der Amerikaner. Mit dem Countrysong Animal startet die Band einen Überraschungsangriff, um die Zuhörer mit dem eingängigen The Way You Wear Your Head endgültig um den Finger zu wickeln. Anschließend geht es weiter auf dem US-amerikanischen Roadtrip, und Friend Hospital, When I Was Young, Out Out Of The Dark und See These Bones ziehen wie weiße Fahrbahnmarkierungen an uns vorbei. Und dann ist es soweit! Popular! ENDLICH! Noch länger hätte das Publikum auch nicht darauf warten können, denn das ist schließlich der Sound einer ganzen Generation!  Mit Always Love und Hyperspace setzen NADA SURF noch eine finale Duftmarke und bestärken mich in der Überzeugung, dass wir noch viel von ihnen hören werden.

Nada Surf @ ARTE Concert Festival
Nada Surf @ ARTE Concert Festival Mit dem Hit „Popular“ wurden Nada Surf in den 90er Jahren zur Kultband. Nada Surf @ ARTE Concert Festival

ANNA B. SAVAGE kommt direkt aus London. Als ständige Begleiter hat sie ihre unterdrückte Wut und ihre Gitarre, die sie im Gedränge des Foyers wie eine treue Verbündete an sich presst. In ihren Songs singt sie von sich selbst:  Fight Nice ist das, was sie mit sanfter Bestimmtheit tut.  Also Human I klingt wie ein intimes Geständnis, wobei sie die Saiten zärtlich malträtiert und ihnen Töne entlockt, die so verzerrt sind wie das Leben selbst.  Something Of An End ist irreführend, denn es folgt der Zweiteiler  I und II, der Anna als konzentrierte, von ihrer Musik besessene Künstlerin zeigt. Eine getriebene, zierliche Person, die das Publikum nach und nach in ihren Bann schlägt – trotz der Lichter und der Kameras, die direkt neben ihr Reportagebilder für ARTE einfangen, und des auf Hochtouren laufenden Ausschanks. Eine beachtliche Leistung, die Lust darauf macht, möglichst bald ein Konzert von ihr zu besuchen!

Anna B Savage @ ARTE Concert Festival
Anna B Savage @ ARTE Concert Festival Die Amerikanerin Anna B. Savage gehört zu den wenigen Künstlern, die allein mit E-Gitarre und Stimme einen Konzertsaal zum Brodeln bringen.  Anna  B Savage @ ARTE Concert Festival

Nur wenige Augenblicke später betritt Neil Hannon das Wohnzimmer seiner irischen Großmutter. Sie lesen richtig: Die Bühne sieht nicht länger aus wie eine Bühne, und das gelingt mit ganz spärlichen Mitteln – ein wenig Stoff im Hintergrund, eine romantische Musendarstellung und pastellige Farben. Eine Lampe mit fransenbehangenem Lampenschirm, wie man sie bei Großeltern in der ganzen Welt wiederfindet. Eine lederne Chaiselongue am Bühnenrand, die das Schlagzeug überragt. Die Setlist ist viel zu umfangreich, um hier auf jedes einzelne Stück einzugehen, und außerdem ist es müßig, über ein Konzert von THE DIVINE COMEDY viele Worte zu verlieren: Man muss es erlebt haben oder man muss darüber ins Schwärmen geraten, aber es lässt sich nicht auf eine simple Aufzählung reduzieren. Warum? Weil die Zeit für das andächtige Publikum einfach stillsteht. Weil der dandyhafte Crooner Hannon die Bühne beherrscht wie kein anderer. Na gut, ich will mal nicht so sein. Denn die Sammler von Setlists, deren leicht masochistisches Vergnügen darin besteht zu erfahren, welche Songs sie versäumt haben, sollen schließlich nicht leer ausgehen. Gleich zu Beginn die große Überraschung: Es gab vier brandneue Songs zu hören, die nachfolgend mit Sternchen gekennzeichnet sind:  Drinking Song, Assume The Perpendicular, Indie Disco, To The Rescue*, Funny Peculiar*, Something For The Week-End, Sweden, Generation Sex, Catherine The Great*, Mastermind, Lady Of A Certain Age, Songs Of Love, Bang Goes The Knighthood, Down In The Street Below, Other People*, Our Mutual Friend, Tonight We Fly. Es folgten National Express, Charmed Life und als Kirsche auf dem Geburtstagskuchen von ARTE Concert (das sein siebenjähriges Bestehen feiert) die legendäre Lucy in einer Akustikversion, die von Hannon solo gespielt wurde. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie sich das ganze Konzert noch einmal im Replay an! Dort erfahren Sie auch, welche Musiker in diesem Artikel keine Erwähnung gefunden haben, denn wir wollen hier ja keinen Spoileralarm auslösen. Morgen folgt dann die Zusammenfassung des zweiten Tages des ARTE Concert Festivals – ganz im Zeichen von Electro.

The Divine Comedy @ ARTE Concert Festival
The Divine Comedy @ ARTE Concert Festival Man hört den für The Divine Comedy typischen, orchestralen Pop schon aus jeder Ecke der Gaîté Lyrique schallen. The Divine Comedy @ ARTE Concert Festival