ARTE Concert Festival

ARTE Concert Festival I Gemächlich währt am längsten

Patrick Watson

Der dritte und letzte Festivaltag steht ganz im Zeichen des Klaviers, von Lubomyr Melnyk über die Grandbrothers, Francesco Tristano und Bruce Brubaker bis zu Patrick Watson.

Ein wunderschöner Sonntag beschließt das ARTE Concert Festival, dessen erste Ausgabe jetzt schon ein riesiger Erfolg ist. Alle Abende sind ausverkauft, die Zuschauer glücklich, die Künstler zufrieden: Was will man mehr? Naja, zunächst einmal, dass die Musik weitergeht – zum Beispiel mit LUBOMYR MELNYK, der jetzt an der Reihe ist. Der ukrainische Pianist hat eine beeindruckende Spieltechnik entwickelt: Mit 15 Noten pro Sekunde und Harmonien, die mithilfe des Sustain-Pedals wahlweise einlullend oder spannungsreich klingen, strömt seine Musik wie Wasser dahin, mal ruhig dahinplätschernd wie ein Bächlein, mal tosend wie ein Wasserfall, aber immer in stetem Fluss. Ravel wäre vor Neid erblasst. Nach dem ersten Stück erhebt sich Melnyk, blickt verstohlen auf die Uhr, freut sich, dass wir es alle bemerkt haben, entschuldigt sich dafür und gesteht: „Bitte entschuldigen Sie, ich habe auf die Uhr geschaut, weil man mich unterbrechen wird, wenn ich länger spiele als vorgesehen. Normalerweise spiele ich das nun folgende Stück mit zwei Klavieren. Das ist hier leider nicht möglich, daher habe ich eine adaptierte Version für nur ein Klavier vorbereitet. Das Stück heißt Butterfly und ich mag es sehr. Mit ein wenig Glück wird es ihnen ebenso gut gefallen. Das Motiv ist minimalistisch und ein wenig ‚hardcore’. Falls es im Saal Klavierspieler geben sollte, die das Gleiche bei sich zuhause nachmachen wollen: Keine Sorge, mit ein bisschen Üben dürften sie in knapp fünf Jahren soweit sein ...“ Nach getaner Arbeit folgt das nächste Stück, Desert Walk, in dem es um die Heiligen drei Könige und durch die Dünen ziehende Karawanen geht. „Dann passiert etwas und die Kamele laufen immer schneller, und den Rest überlasse ich Ihrer Vorstellungskraft …“.

 

Lubomyr Melnyk @ Arte Concert Festival
Lubomyr Melnyk @ Arte Concert Festival Ein virtuoser Auftakt für den Klavierabend von ARTE Concert Festival. Lubomyr Melnyk @ Arte Concert Festival

 

Fliegender Wechsel auf der Bühne und schon stehen dort die beiden jungen deutschen Musiker Erol Sarp und Lukas Vogel, die gemeinsam das Duo GRANDBROTHERS bilden. Sie spielen eine Mischung aus Klassik und Elektro, worauf bereits die Titel ihrer Stücke schließen lassen: Studie V, Arctica, Wuppertal, Studie VII, Rotor, Bloodflow, Naive Rider, Ezra Was Right (von Gilles Peterson als bestes Stück des Jahres 2013 bezeichnet, nur mal so nebenbei). Die Setlist der beiden ist von hypnotischer Intensität, was auch an dem Klavier liegt, das die beiden ehemaligen Kunst- und Musikstudenten für ihre Zwecke umgebaut haben: Die Hämmer schlagen nicht nur die Saiten, sondern auch das Holz, was einen sehr viel perkussiveren Höreindruck vermittelt. Das Ergebnis ist eine repetitive Musik, die mit der Unterstützung elektronischer Loops für ein minimalistisches Club-Feeling sorgt. Eine echte Entdeckung!

 

Grandbrothers @ ARTE Concert Festival
Grandbrothers @ ARTE Concert Festival Das ist Grandbrothers, die Neuentdeckung der europäischen Musikszene. Grandbrothers @ ARTE Concert Festival

 

Die Zuschauer in der Gaîté Lyrique lauschen konzentriert und verhalten sich erstaunlich ruhig für die musikalische Extremerfahrung, die nun folgt: eine Stunde Musik ohne Unterbrechung mit FRANCESCO TRISTANO (die Entdeckung aus der Formation Aufgang) und BRUCE BRUBAKER (der US-amerikanische Pianist, der durch seine Philip-Glass-Interpretationen bekannt wurde). Auf der Bühne thronen ein Flügel und ein Stutzflügel. An der Seite des Flügels lässt sich ein Controller erahnen, mit dem sich die beiden Pianisten gegenseitig Klänge an den Kopf werfen können, während sie zweimal die Positionen wechseln, ohne dabei je den musikalischen Faden zu verlieren. Die beiden Virtuosen spielen ein „Simulcast“, manchmal simultan, manchmal als Frage-und-Antwort-Spiel, wobei Tristano in die Vollen geht und Percussion-Elemente einfügt, indem er auf den Korpus eindrischt oder die Saiten mit der Hand zupft, und Brubaker stets stoische Ruhe bewahrt, selbst wenn die Rhythmen jeder Logik zu widersprechen scheinen und Philip Glass mit Carl Craig, Robert Schumann oder auch John Cage eine wilde Symbiose eingeht. Ohne jeden Zweifel große Kunst!

 

Francesco Tristano & Bruce Brubaker @ ARTE Concert Festival
Francesco Tristano & Bruce Brubaker @ ARTE Concert Festival Wie Nils Frahm kam auch dieser luxemburgische Pianist über Klassik zur elektronischen Musik. Francesco Tristano & Bruce Brubaker @ ARTE Concert Festival

 

Die Zeit vergeht wie im Flug, und schon sind wir beim letzten Konzert des Abends – und am Ende der ersten Ausgabe des ARTE Concert Festivals – angelangt. Zugleich traurig und zutiefst erschöpft bereiten sich die Veranstalter auf das große Finale vor, das PATRICK WATSON & FRIENDS für uns vorbereitet haben. Auch das Publikum ist bereit für den großen Showdown, den man von dem Kanadier erwarten kann, und die Erwartungen werden nicht enttäuscht: Know That You Know, Good Morning, Hearts, Places und In Circles verbreiten vor einem traumgleichen Bühnenbild eine schwer zu beschreibende Stimmung, empfindsam und aufpeitschend zugleich, kumpelhaft und bescheiden, fordernd und subtil – kurz: ein Fest der Musik mit allen Sinnen! Für eine Überraschung sorgt Patrick Watson durch seine Interpretation von Serge Gainsbourgs En Relisant Ta Lettre, dem er durch seinen charmanten Akzent eine ganz neue Dimension verleiht. Auf die eine Überraschung folgt gleich die nächste, denn dann kommt M mit seinem Song Le Mec Hamac in einer gänzlich neuen Fassung. Kraftvolles Gitarrenspiel schließt sich an, als Joe Grass, Watsons Gitarrist, die Stücke Bollywood und Grace anstimmt. Schon seit ihrer ersten Begegnung auf den Francofolies in Montreal wollten die beiden Bühnentiere ihre Kräfte messen, und das Ergebnis gibt ihnen Recht! M räumt anschließend die Bühne, und in den Scheinwerferkegel tritt Patrick Watsons Backing-Sängerin Marie-Pierre Arthur, deren Titel Je Me Souviens in einer Akustikversion beim Publikum ebenfalls bekannt anklingt: Die Interpretin aus Quebec hat bereits zwei Alben veröffentlicht. Mit Songs wie Man Like You, Walking Dead und Adventures In Your Own Backyard, die allesamt schon zum Standardrepertoire zählen, zündet sie in den Herzen der Zuschauer einen magischen Funken. Im Anschluss an ein Klaviersolo lädt Patrick Watson das Publikum ein, den Abend dort zu beenden, wo er begonnen hat: im Foyer. Gemeinsam mit seinen Musikern und den Zuschauern zieht er weiter in die neue Örtlichkeit, steigt auf die Tische und stimmt a cappella Into Giants an, und 600 anwesende Kehlen stimmen verzückt mit ein. Mit dieser spontanen Einlage schließt das Festival, das genau aus einer solchen Idee geboren wurde: dem Spaß an der Jam Session unter Freunden, die sich zum leidenschaftlichen Konzert entwickelt. Wir freuen uns schon auf nächstes Jahr.

Patrick Watson & Friends @ ARTE Concert Festival
Patrick Watson & Friends @ ARTE Concert Festival Patrick Watson kann einfach alles spielen und singen. Patrick Watson & Friends @ ARTE Concert Festival