ARTE Concert Festival

ARTE Concert Festival I Electro around the clock

Carl Craig

Schon sind wir am zweiten Abend des Festivals angelangt. Abend? Uns erwartet eine ganze Electro-Nacht, die bis in die frühen Morgenstunden dauert. Und dank HVOB, Brandt Bauer Frick, Carl Craig, Kiasmos, Gordon, André Bratten, Ivan Smagghe und Chloé dürften auch nicht die geringsten Anzeichen von Müdigkeit aufkommen!

The same procedure as last time? Das Publikum an diesem Samstag, dem 17. April, unterscheidet sich doch ziemlich vom Vortag. Die Plakate versprechen eine hochkarätige Clubnacht und Heerscharen junger Leute strömen in die Gaîté Lyrique (mit Ausnahme eines älteren Herrn mit weißen Haaren, der stets zu den ersten auf der Tanzfläche gehört). Alle scheinen noch eine Rechnung mit dem Trance offen zu haben, so entschlossen sind ihre Blicke und so tanzwütig stampfen sie schon in der Eingangshalle zu den hämmernden Rhythmen der Musik. Nur keine Müdigkeit vorschützen!

Das Wiener Duo HVOB eröffnet den hypnotischen Reigen mit Clap Eyes, Window, Ghost, Let’s Keep This Quiet, Azrael und Dogs. Ich frage sie hinter der Bühne, ob sie sich dieses Konzert (oder ein anderes) hinterher noch einmal anschauen würden. „Haha, nun ja, jedes Konzert ist anders, einmalig. Da fällt es schwer, sich für eines zu entscheiden. Die zweite Show unserer Karriere auf dem Melt Festival vor vier Jahren war aber was Besonderes. Damals hatten wir gerade einmal 200 Fans auf Facebook … und es kamen so viele Leute, wie wir niemals zu hoffen gewagt hatten. Seither hat sich die Sache für uns sehr positiv entwickelt, von daher glaube ich, dass ich mir dieses Konzert noch einmal anschauen würde“, erzählt Anna Müller. Und weil ich mich mit Paul Wallner nicht über Potis unterhalten will, frage ich ihn lieber, wie das elektronische Instrument seiner Träume aussehen und vor allem klingen würde: „Sehr gute Frage! Ich denke, ich würde etwas mit Licht machen, sodass ich mit dunklen oder leuchtenden Klängen arbeiten könnte, oder aber mit flashy Sounds. Man könnte dann sogar Blitze spielen!“ Als ich aus dem Backstage-Bereich komme, steht mir plötzlich CARL CRAIG gegenüber. Ich würde dem Grandmaster of Techno gerne ein paar Fragen stellen, aber ich habe große Angst, ungelegen zu kommen. Später. Als ich mich dann ein wenig später auf die Suche nach ihm mache, ist er verschwunden.

 

HVOB @ ARTE Concert Festival
HVOB @ ARTE Concert Festival Eine der zurzeit aufregendsten Elektro-Live-Acts: das Wiener Duo HVOB (Akronym für Her Voice Over Boys). HVOB @ ARTE Concert Festival
Carl Craig @ ARTE Concert Festival
Carl Craig @ ARTE Concert Festival Carl Craig interpretiert exklusiv auf dem ARTE Concert Festival sein Album "Modular Pursuits" neu. Carl Craig @ ARTE Concert Festival

 

Aber womöglich hat dieser #FAIL auch sein Gutes, schließlich heißt es ja, dass man manchmal besser das Geheimnis wahren sollte. Und die Liveperformance des DJs aus Detroit ist ohnehin der beste Trost. Außerdem: Wie kann man überhaupt die richtigen Worte für ein Elektro-Set wie dieses finden? Wer verfügt über die Sprachgewalt, um dieses Erlebnis angemessen zu beschreiben? Allenfalls die Körpersprache vermag hier mit den Ereignissen Schritt zu halten, während die gesprochene Sprache auf ihre Primärfunktion reduziert wird, überlebenswichtige Dinge zu kommunizieren: Ich habe Durst, mir ist warm, ich liebe dich, ich habe schon wieder Durst, ich liebe dich auch, lass uns ein wenig frische Luft schnappen … Der Rest beschränkt sich auf hands up in the air, schwingende Hüften, verzücktes Lächeln, Wellen und Impulse. Apropos Vibrationen, Daniel Brandt verrät mir am Ende seines Konzerts mit BRANDT BAUER FRICK ein sonderbares Erlebnis: „Ich komme gerade von einem Trip aus der kalifornischen Wüste zurück. Eine trockene, wilde, eindringliche Landschaft, aber ich habe mich noch nie zuvor so frei gefühlt! Wir waren in einem Haus, dessen Fassade ein einziges großes Glasfenster war. Nachts wurde immer wieder Alarm ausgelöst, aber draußen war niemals auch nur die geringste Menschenseele zu sehen. Fenster und Kofferraumtüren öffneten sich wie von Geisterhand, das war wirklich strange. Wir konnten uns nicht erklären, was da tatsächlich vor sich ging. Ich glaube, dass es dort ein paar seltsame Schwingungen gab.“  Wer weiß, wer weiß …

 

Brandt Brauer Frick @ ARTE Concert Festival
Brandt Brauer Frick @ ARTE Concert Festival Das Berliner, das in geistiger Nähe zu Aufgang steht, verzichtet auf Computer und spielt auf Instrumenten.  Brandt Brauer Frick @ ARTE Concert Festival

 

KIASMOS liefern eine Show ab, an der alleine das Genre minimal ist. Ihr Techno ist zugleich experimentell. Looped, Drawn, Gaunt, Swept, Wrecked, Swayed, Thrown, Burnt, Driven und Bent: Das isländische Duo spielt einen Track nach dem anderen und heizt in der Gaîté Lyrique ordentlich ein. Ein wahrer Hexenkessel. Ab diesem Zeitpunkt geht nichts mehr seinen normalen Gang: weder die Uhren, die sich immer schneller zu drehen scheinen, noch die Zuschauer, die hin und her wandern, um draußen ein wenig Frischluft zu tanken, und auch nicht die Bedienungen an der ständig überfüllen Bar – ganz zu schweigen vom Verstand, der allmählich aussetzt, und auch das eine oder andere Herz schlägt plötzlich in einem völlig ungewohnten Takt. Ich raube GORDON fünf Minuten seiner kostbaren Zeit, bevor er auf die Bühne muss und dem aufgepeitschten Publikum Zucker gibt. Ich stelle allen die gleiche Frage, aber seine Antwort stellt alle anderen in den Schatten: Wenn seine Musik Außerirdische begeistern könnte, von welchem Planeten kämen sie? „Natürlich vom Planeten Melmac! Mein Künstlername war ursprünglich Gordon Shumway, der vollständige Name des Außerirdischen Alf aus der gleichnamigen Serie, die in den 1980ern lief. Alf stammte vom Planeten Melmac, und ich liebe seine abgedrehte Art.“ Und dabei hatte ich es gar nicht darauf angelegt …

 

Kiasmos @ ARTE Concert Festival
Kiasmos @ ARTE Concert Festival Kiasmos minimalistischer Elektro lässt von Island träumen! Die Live-Auftritte des Duos sind leider rar. Kiasmos @ ARTE Concert Festival
Gordon @ ARTE Concert Festival
Gordon @ ARTE Concert Festival Der französische DJ und Produzent Gordon wirkte lange im Verborgenen; derzeit ist er dank seiner Allianz mit dem avantgardistischen Label Infiné dabei, ganz groß rauszukommen. Inzwischen hat er mehrere EPs rausgebracht und sich als einer der faszinierendsten französischen Produzenten der Gegenwart profiliert. Seine raffinierten Technoklänge kommen bei Live-Auftritten immer gut an – das dürfte auf dem Festival erneut bestätigt werden. Gordon @ ARTE Concert Festival

 

Es folgt Paris, I love you, but you’re bringin’ me down: An mehr erinnere ich mich nicht, außer an die Menge schweißnasser Körper. Auf Gordon folgt ANDRÉ BRATTEN, der die Gaîté ordentlich aufmischt, und schließlich CHLOÉ, die dem Abend in einem B2B mit IVAN SMAGGHE den krönenden Abschluss verpasst, den man berechtigterweise von ihr erwarten kann. Einige Leute sollen bis zum Schluss durchgehalten haben. Was für eine Kondition!

 

André Bratten @ ARTE Concert Festival
André Bratten @ ARTE Concert Festival André Bratten @ ARTE Concert Festival André Bratten @ ARTE Concert Festival