Mit Mahler in Kreuzberg

Vor genau 100 Jahren verstarb der Komponist Gustav Mahler in Wien. Die Klassik-Welt hat aus diesem Anlass das Jahr 2011 zum "Mahler-Jahr" erklärt und viele internationale Orchester nehmen Mahlers Werke ins Programm. Einige davon kann man in den kommenden zwei Wochen in Leipzig und auf Arte Live Web live sehen. Wer aber nicht Klassikfan ist und regelmäßig die Programme der Konzerthäuser und Klassikradios studiert, bekommt wahrscheinlich nur wenig von den Mahler-Festlichkeiten mit. Es stellt sich die Frage, ob Mahlers Musik in der schnelllebigen und hektischen Welt von heute nur noch eine Nebenrolle spielen kann.

Hat ein Genie wie Gustav Mahler, der seine ersten Stücke schon mit sechs Jahren komponierte, den Menschen von heute nichts zu sagen? Ist seine Musik verstaubt und veraltet und kann keinen Platz mehr in unserem Alltag finden? Mahler komponierte im Gleichschritt seiner Zeit – von der Spätromantik hin zur Moderne. Eine Epoche geprägt von der Industrialisierung und Beschleunigung der Großstädte. Mahlers Stil liegt in der Vereinigung von Gegensätzen und der Integration profaner Volksmusik in seinen Werken und nimmt damit typisch urbane und moderne Ansätze vorweg. Gerade deswegen sollte es doch möglich sein, auch heute einen Bezug zwischen Mahler und dem Leben in der Stadt herzustellen.

Ich wage das Experiment und nehme ihn mit in meine Welt. Mit seiner Musik auf den Kopfhörern spaziere ich quer durch Berlin-Kreuzberg, dem Bezirk, in dem ich lebe und arbeite. Ich werde mir seine zweite Sinfonie anhören – die Auferstehungssinfonie. In ihr drückt sich der Wunsch des vom frühen Tod seines Bruders und seiner Eltern geschlagenen Mahlers aus, sein privates Schicksal in der Musik zu überwinden und eine Harmonie mit der Welt zu finden. Vielleicht passt sie ja gut nach Kreuzberg, einem Bezirk mit hoher Arbeitslosigkeit, aber auch eine Traumfabrik für die Verwirklichung alternativer Lebensmodelle. Ich bin gespannt. Welchen Sinn wird seine mir fremde Musik in der vertrauten Umgebung machen?

Mit dem ersten Satz der Zweiten Sinfonie in den Ohren trete ich auf die Gneisenaustraße im Südwesten von Kreuzberg. Die Autos brummen so laut, dass sie zeitweise die Aufnahme auf meinen Kopfhörern übertönen. Die Musik springt von schnell zu langsam, von feinen leisen Tönen zu schweren lauten. Ich habe Mühe ihr zu folgen und nicht nur der Straße. Um mich herum überall Autolärm, Stimmen von Passanten, ständige Ablenkung. Und auf meinen Ohren Mahler, der einfach weitermacht und sich nicht darum schert, ob es passt.

Ich versuche es mit Konzentration. Ich habe die Hoffnung, mit seiner Musik einen Weg aus diesem Chaos zu finden. Sie soll mich rausreißen aus der Stadt, woanders hinbringen, weg vom lauten Tosen und den tausend fremden Gesichtern. Doch die Sinfonie mit ihren schnellen Stimmungswechseln ist in meinen Ohren nur ein weiteres unübersichtliches Chaos.

Im zweiten Satz ändert sich dieser Eindruck. Er beginnt in versöhnlicher Harmonie und hält diese Stimmung auch an. Die Musik verströmt Ruhe und ich suche einen geeigneten Ort abseits des Straßenrummels, um mich auf sie einzulassen. Ich stoße auf einen Friedhof. Das sollte doch der geeignete ruhige Ort für diesen Satz sein. Durch ein kleines Tor schlüpfe ich hinein und stehe in einer grünen Oase. Die anderen Menschen auf dem Friedhof bewegen sich mit gebotener Ruhe. Ich passe mich ihrem Tempo an und schreite durch die Reihen der Gräber. Die Streicher begleiten mich sanft. Straße, Autos und hektische Passanten sind nun fort. Ich setze mich auf eine Bank und schaue den Spatzen beim Trinken zu. „Putzig“, denke ich. „Putzig“, antworten die Streicher in hüpfendem Pizzicato.

Dann nimmt die Musik wieder Fahrt auf, und während sie sich dramatisch steigert, trete ich zurück auf die Straße. Ich komme an einen Parkplatz und bin zum ersten Mal wirklich allein, als der vierte Satz mit dem Gesang einer zarten Frauenstimme beginnt. „Hier will ich für immer bleiben“, singt die Stimme. Ich stehe zwischen den Blechkarossen und lächle.

Zu Beginn des fünften Satzes ertönt ein einzelnes Horn in der Ferne. Ich suche den Horizont ab. Wie ein Berg türmt sich ein grauer Wohnblock-Felsen vor mir zwischen den Baumkronen auf. Ein gelbes Tier kriecht langsam vorbei, die U-Bahn am Halleschen Tor. Aber das ist nicht mehr Kreuzberg, wie ich es kenne. Mahlers Sinfonie hat mich in eine andere Welt entführt.

Ich nehme die U1 in Richtung Schlesisches Tor. In den Ohren ein Flötensolo – ich denke an Pan, Hirtenmusik und grüne Almwiesen. In der Bahn Schweißgeruch – Studenten, Punks, Touristen, Berliner auf dem Weg in den Feierabend. Nichts passt zusammen. Die vielen Menschen, das Quietschen der Bahn und Piepsen der Türen, Mahler und ich haben uns verloren. Am Schlesischen Tor steige ich aus mit Falten auf der Stirn. Ich muss der Versuchung widerstehen, die Musik einfach abzuschalten, und stehe wieder in Kreuzberg.

Doch dann kommt Mahler noch einmal mit Kraft zurück. Es erklingt das pompöseste Finale, das ich je gehört habe. Orchester, Chor und Schlagwerk jubeln in grandiosen Dur-Kadenzen. Und dann ist es wie im Film, als ich die Spree entdecke: Schlussakkord! Ich blicke auf die Oberbaumbrücke. Ihre Türme ragen in den Himmel wie die Türme eines Märchenschlosses.

Als ich am Abend vom Büro nach Hause gehe, lasse ich die Sinfonie noch einmal laufen – meinen neuen Soundtrack für Kreuzberg.

 

Über den Autor: Schon während des Studiums in Köln arbeitete Jonathan Lütticken als Musikredakteur beim Hochschulradio. Es folgte die Teilnahme am Atelier Ludwigsburg/Paris von der Filmakademie Ludwigsburg und der La Fémis in Paris. Nach mehreren Jahren Tätigkeit für internationale Kino- und Dokumentarfilme ist er nun als Community Manager für Arte Live Web aktiv.