Die Stadt und der Jazz

Es ist sicher kein Zufall, dass das älteste deutsche Jazzfestival – und das älteste kontinuierliche Jazzfestival überhaupt – in der Mainmetropole stattfindet.

Als das Festival 1953 in Frankfurt gegründet wurde, waren die Deutschen kulturell ausgehungert und wollten endlich die Musik live hören, die unter den Nazis verboten war. Der Jazz kam aber vor allem mit den amerikanischen GIs nach Deutschland und wo konnte man ihn hören? In den „barracks“, den Army-Clubs der amerikanischen Besatzungs- oder besser Befreiungs-Truppen, und davon gab es im amerikanischen Hauptquartier in Frankfurt am Main nach Kriegsende jede Menge.

Hier konnten deutsche Jazzmusiker mit den schon lange verehrten, professionellen, meist afro-amerikanischen Musikern zusammen spielen und viele, wie beispielsweise der aus Frankfurt stammende und dort 1995 verstorbene große Posaunist Albert Mangelsdorff, begannen ihre internationale Karriere in diesen Clubs. Zunächst spielte man tanzbaren Swing, aber schon bald ging man zu Bebop und Hardbop über und improvisierte drauf los. Da merkten die Amerikaner auch schnell, dass hier keine Nazis mit ihnen auf der Bühne standen, die Deutschen mussten diese Musik  in den zurückliegenden Jahren schon heimlich geübt haben! Wenn ältere Musiker von den damaligen, oft spontanen Sessions bis in die frühen Morgenstunden erzählen, spürt man jenseits der Nostalgie, dass es für den Jazz eine ebenso auf-  wie anregende Zeit gewesen sein muss, und Frankfurt damals wohl zurecht den Titel deutschen Hauptstadt des Jazz für sich beanspruchte.

Inzwischen hat sich auch die Jazzszene internationalisiert und globalisiert, die Audiofiles werden um die ganze Welt geschickt, ein kreatives Zentrum ist nirgends mehr auszumachen, auch wenn natürlich in Deutschland fast alle Wege mittlerweile nach Berlin führen. Aber das Deutsche Jazzfestival hat es in all den Jahren immer wieder verstanden, einen besonderen Akzent, ein griffiges Thema zu setzen, so dass die architektonisch wahrscheinlich amerikanischste deutsche Großstadt, zumindest an den Tagen des vom HR und der Stadt Frankfurt gemeinsam veranstalteten Festivals, ein Hot Spot des Jazz geblieben ist.



Das gilt auch in diesem Jahr, in dem das Festival ganz im Zeichen des amerikanischen Kult-Labels der sechziger und siebziger Jahre steht: „Impulse!“ – wobei das Ausrufezeichen unbedingt dazu gehört, denn „impulse!“ konzentrierte sich – auch in Abgrenzung zum anderen großen Kultlabel „Blue Note“ – mit dem Slogan „The New Wave of Jazz“ auf die lauten, neuen Töne und die Avantgarde. So kam auch der Musiker zu „impulse!“ der das Label prägen sollte wie kein anderer: John Coltrane, der hier, immer auf der Suche nach spiritueller Erweiterung und neuen Ausdrucksmöglichkeiten, seine wichtigsten Alben einspielte:  „Africa/Brass“ (1961), „A Love Supreme“ (1965) und „Ascension“ (1965).

Generationen von Jazzmusikern sind von diesen Aufnahmen und ihrer immer noch spürbaren Aufbruchsstimmung beeinflusst, und es ist nur konsequent, sie nun ins Zentrum des Frankfurter Jazzfestivals zu stellen. Es wird besonders spannend, wie heutige Jazzmusiker mit dieser Musik umgehen, sie neu arrangieren und sich aneignen, aber es sind ja auch zwei dabei, die selbst noch mit John Coltrane gespielt haben: McCoy Tyner und Archie Shepp!



Eine weitere wichtige Platte – künstlerisch aber auch kommerziell sehr erfolgreich – war für „impulse!“ Oliver Nelson mit „The Blues and the Abstract Truth“ (1961), mit Starbesetzung und herausragenden, zeitlosen Arrangements. Auch dieses Album, mit seinen zum Teil schon zu Evergreens gewordenen Titeln, wird in Frankfurt in großer Besetzung neu vorgestellt, obwohl es nicht unbedingt so typisch für den „impulse!“-Katalog ist. Diese Aufnahme war eigentlich schon damals mehr der Tradition als der Avantgarde verpflichtet und hätte ebenso gut bei „Blue Note“ erscheinen können. Aber es gab und gibt im Jazz doch schon immer die Gleichzeitigkeit von Tradition und Avantgarde, auch und gerade in „Mainhattan“, und das gilt dann auch für das 42. Deutsche Jazzfestival.